Kaum zwei Monate in meinem neuen Job angekommen, durfte ich auch schon den ersten Kurzurlaub nehmen. Sehr großzügig 😊 Es bedurfte keiner langen Überlegungen, das Reiseziel festzulegen: Usedom, die malerische Insel an der Ostsee, wo die Natur und das Meer zum Entspannen einladen und uns den Alltagsstress auf wunderbare Weise vergessen lassen.

Auch die Unterkunft stand für mich schnell fest. Das 4-Sterne-Familienhotel Seeklause war eine Zufallsentdeckung, als ich im Sommer 2022 ein Sonderangebot von booking.com erhielt. Leider gab es dieses Mal kein solches Sonderangebot und ich musste etwas tiefer in die Tasche greifen (ca. 130 Euro pro Nacht inkl. Frühstück). Doch das gemütliche Ambiente, die riesige Außenanlage und eine einladende Saunalandschaft lassen einfach keine Wünsche offen.

Donnerstag, 07.09.23

Der Weg von Dresden bis ans Meer hat es in sich. Selbst mit dem Auto dauert es locker fünf Stunden, mit der Bahn entsprechend noch länger. Und weil ich vergessen hatte, mein Deutschland-Ticket rechtzeitig zu kündigen, entschied ich mich für eine Anfahrt mit dem Nahverkehr über Berlin. Damit der Anreisetag nicht zur Hölle würde, packte ich frühzeitig meinen Koffer und startete bereits am Donnerstag nach Feierabend die erste Etappe bis Berlin-Westend. Es ist bemerkenswert, dass man von Tür zu Tür fast fünf (!) Stunden benötigt, um von einer Landeshauptstadt in der Bundeshauptstadt einzutreffen, die gerade mal 200 Kilometer voneinander entfernt sind… 🤔

Freitag, 08.09.23

16 Uhr, ab in den Urlaub! Die Hochsaison lag bereits hinter uns und so hoffte ich, eine relativ entspannte Zugfahrt in den Norden vor mir zu haben. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Deutsche Bahn und den Pendlerverkehr zwischen Berlin und Eberswalde gemacht.

Bereits vor einem Jahr war der Regionalexpress RE3 in Richtung Stralsund sehr gut belegt, zumal damals noch das Neun-Euro-Ticket gültig war. In meiner Erinnerung hatte ich einen relativ komfortablen Stehplatz, doch davon konnte dieses Mal keine Rede sein. Mit einem verkürzten Zug, welcher bereits komplett überfüllt war (herzlichen Dank, liebes Bahn-Management!), sollte die große Reise beginnen. Und wenn ich sage „überfüllt“, dann meine ich es wörtlich. Also wirklich wörtlich. In 32 Lebensjahren ist es mir noch nicht passiert, dass ich vor einem Zug stand und keine Möglichkeit sah, noch ins Innere zu gelangen. Ungefähr vier Personen pro Quadratmeter stopften sich und schwitzten um die Wette.

Da die Züge in Richtung Mecklenburg-Vorpommern nur alle zwei Stunden fahren (ich wiederhole mich, aber: herzlichen Dank, liebes Bahn-Management!), war ich äußerst bestrebt, dennoch eine Möglichkeit zu finden, mich, meinen Reiserucksack und den großen Koffer in irgendein Abteil zu befördern. So ging ich zum vordersten Wagen, wo die Situation nicht wirklich besser war, aber zumindest standen nicht ein dutzend Personen vor der Tür. Schließlich tat sich direkt beim Einstiegsbereich eine kleine Lücke auf, in welche ich blitzschnell mein Gepäck schob und mich hinterher. Unterdessen pirschte ein Bahnmitarbeiter am Gleis auf und ab und tat sein Bestes, die übrigen Fahrgäste ebenfalls in minimale Waggonlücken zu bugsieren.

Unglaublich, aber wahr: Mit etwa fünfundzwanzig Minuten Verspätung fuhren wir von Berlin-Gesundbrunnen los. In meinen beiden Beinen entwickelte sich gleichzeitig ein Krampf, den ich durch Auf-der-Stelle-treten zu unterdrücken versuchte. Der Geruch in Kombination mit der Innentemperatur des Zuges war außergewöhnlich und ließ in mir den Gedanken reifen, vielleicht doch mal in einen PKW zu investieren. Zumindest ließen die Fahrgäste sich ihre schlechte Laune nicht anmerken: Es wurde gescherzt, geplaudert und im Rahmen des Möglichen geholfen, jedem Einzelnen die Dosensardinen-Erfahrung so erträglich wie möglich zu machen. Zum Glück gab es keine Panikattacken oder medizinischen Notfälle, denn das wäre unter den gegebenen Umständen ein fettes Problem geworden.

In Eberswalde schließlich, eine Dreiviertelstunde später, strömten die Massen aus dem Regionalexpress nach draußen. Auf einmal wirkte das Abteil regelrecht leer, man konnte seine Arme bewegen, ohne verschwitzten Körperkontakt mit anderen aufnehmen zu müssen. So ging es bis Züssow weiter, dem Umsteigebahnhof irgendwo im Nirgendwo. Der liebe Gott oder ein rücksichtsvoller Zugführer der UBB (Usedomer Bäderbahn) waren uns gnädig, sodass der Anschlusszug auf uns wartete. Nach einer weiteren Viertelstunde kam ich endlich in Trassenheide an – durchgeschwitzt und hungrig, aber glücklich. Mittlerweile war es kurz vor acht und es wurde langsam dunkel. Die zehn Minuten Fußweg bis zum Hotel Seeklause legte ich wie im Schlaf zurück; es ist immer wieder schön, an vertrauten Orten zu sein.

Nach dem Check-In gönnte ich mir eine erfrischende Dusche und genoss das Sonnenuntergangs-Panorama von meinem Balkon im zweiten Stock vor einer weiten, saftig grünen Landschaft. Danach begab ich mir schnurstracks zur Saunalandschaft und ließ die Seele baumeln in der 60-Grad-Bio-Außensauna mit großer Piratenflagge, einem echten Schiffssteuerrad sowie stilvollen Artefakten aus der Nautik. Alles in allem ein sehr gelungener Auftakt in den Herbsturlaub (und an die Rückfahrt will ich einfach noch gar nicht denken 😄).

Samstag, 09.09.23

Der erste richtige Urlaubstag begann für mich bereits um fünf Uhr dreißig. Blöd, wenn man den Arbeitsrhythmus noch in sich hat… Nachdem ich noch etwas döste, beschloss ich bereits um kurz nach sieben zum Frühstück zu gehen. Um diese Zeit war noch wenig los und ich hatte die volle Auswahl am Buffet. Das Restaurant war etwas neu gestaltet seit dem letzten Jahr: Es gab nun wesentlich mehr Platz in den Gängen, um sich ohne Gedränge zu bewegen.

Ein wirklich großer Vorteil beim Essen in der Seeklause ist, dass man sich sowohl an leckeren Speisen erfreuen, als auch vollkommen gesund leben kann. Meine erste Mahlzeit des Tages bestand aus Cornflakes (praktisch, in einem Familienhotel zu sein 🙂), Spiegelei mit Speck, Brötchen mit Wurst und Käse sowie einer vitaminreichen Mischung aus Möhren, Gurke, Paprika, Ananas und Wassermelone. Dazu einen Latte Macchiato und köstlichen Fruchtsaft. Das Ambiente im Speisesaal mit seinen zahlreichen Modellbooten, Schiffslaternen und kleinen Verzierungen wie Seilen oder maritimen Wandbildern lädt immer wieder zum Verweilen ein. Selbst die Zuckertütchen an den Tischen sind mit den beiden Hotelmaskottchen Happy & Klausi bemalt. Ein beidseitig bedrucktes Schild erlaubt es den Gästen, zu wählen zwischen „Wir entern gerade das Buffet“ oder „Wir sind auf der Suche nach neuen Abenteuern – bitte das Geschirr abräumen“.

Rückblickend waren die Augen etwas größer als der Magen, sodass ich anschließend erst mal wieder das Hotelzimmer aufsuchte und noch zwei Stunden schlief. Gegen Mittag schrieb ich mir eine Einkaufsliste und besorgte ein paar Grundnahrungsmittel und etwas zum Kochen vom Supermarkt gleich nebenan (jeden Abend essen gehen wäre mir dann doch zu teuer). Nach einer stärkenden Portion Spaghetti mit Tomatensauce packte ich meine Badehose ein und lief die rund zwanzig Minuten durch Trassenheide bis zum Ostseestrand. Dort kaufte ich Postkarten und spannte meinen Schirm an einem lauschigen Plätzchen im FKK-Bereich auf. Mit einem guten Buch und Sonnencreme ließ es sich bei 26 Grad sehr gut aushalten. Die silbernen Möwen flatterten und kreischten derweil um die Wette, als ein älterer Herr von seinem Strandkorb aus begann, sie mit Brot zu füttern.

Schließlich betrat ich das flache Wasser und musste erst mal ein ganzes Stück in die Ostsee laufen, bevor es tief genug zum Schwimmen war. Obwohl die Strandanzeige neunzehn Grad Wassertemperatur verkündete, fröstelte ich beim ersten Eintauchen (oh Gott, ich werde alt 🙈). Die Erfrischung tat trotzdem sehr gut, abgesehen von den vielen Quallen, mit denen ich des Öfteren zusammen stieß. Die Nachsaison war deutlich zu spüren, denn es waren vor allem Rentner und Familien mit kleinen Kindern anzutreffen, wodurch es nicht so wuselig war wie im Hochsommer.

Am frühen Abend trat ich den Rückweg an, machte mir eine kleine Brotzeit und freute mich über die Nachricht im Fernsehen, dass die deutsche Basketballmannschaft Weltmeister geworden war. Danach schnappte ich mir den Bademantel, um in aller Ruhe die restlichen Saunen auszuprobieren. Beginnend mit der „Salzgrube“, wo es um die neunzig Grad heiß war und echte Salzkristalle für Meeresduft sorgten, ging es weiter ins Tepidarium (eine wohlig-warme Kammer im Stile einer Kajüte), zum Heudampfbad und schließlich in die Katensauna. Zwischendurch sorgten mehrere Erlebnisduschen für Abkühlung (Eisregen und verschiedene Brauseköpfe). An Entspannung fehlt es in der Seeklause nicht – besonders den Eltern ist es anzusehen, wenn ihre Kinder abends im Bett sind und sie den Ausklang des Tages noch zu zweit genießen können.

Sonntag, 10.09.23

Inzwischen hatte mein Biorhythmus begonnen, sich dem Urlaubsmodus anzupassen, sodass ich länger ausschlafen konnte. Beim Frühstück war ich (anderes Extrem) diesmal erst nach um zehn – perfektes Timing, denn so war es wieder fast leer 😉. Bis zum Nachmittag gab es keine besonderen Vorkommnisse, außer dass ich irgendwann eine Portion Dosengulasch aufwärmte und unter der Zimmerhitze ächzte. So schön die Hotelzimmer auch sind – wenn in der zweiten Tageshälfte die Sonne auf die Westseite scheint, bekommt man schnell eine ungewollte Privatsauna. Selbst die Verdunkelungsvorhänge helfen in diesem Fall nicht, und lüften ist keine gute Idee – zumal bei Windstille…

Um mich etwas abzulenken, nahm ich mir den Laptop und setzte kurzerhand ein MediaWiki-System auf, um für mein Buch „Die Silvesterinseln“ eine Art Dokumentation zu erstellen (bisher lagen alle Inhalte unsortiert in einem Textdokument bei Google, aber mithilfe der Link-Funktion kann man nun elegant zwischen den einzelnen Charakteren und Handlungsorten springen).

Die Silvesterinseln – Eine explosive Romanreihe
https://silvester-wiki.sparkfountain.de

Für den heutigen Tag hatte ich mir eine Ganzkörper-Vital-Massage gebucht, welche in einem separaten Raum im Erdgeschoss stattfand (dort war es zum Glück kühler). Meine große Empfehlung für alle, die beruflich die meiste Zeit im Büro verbringen und völlig verspannt sind, so wie ich. Mit warmem Öl wird die Tiefenmuskulatur entspannt und es gelingt, den Rest der Welt für eine knappe Stunde vollständig auszublenden und sich lauter positiven Gedanken hinzugeben.

Erfüllt von guter Laune und neuer Energie begab ich mich auf die letzte Etappe des Sonntags. Mit der UBB ging es von Trassenheide nach Zinnowitz, wo um 18:30 Uhr im Club-Kino der Actionfilm „Retribution“ gespielt wurde. Zuvor wollte ich noch das eine oder andere Souvenir abstauben und musste feststellen, dass alle (!) touristischen Geschäfte bereits um 18 Uhr ihre Türen schlossen. Dies sei eine Anordnung des Ordnungsamtes, wurde mir auf Nachfrage mitgeteilt – sooo typisch deutsch… 🙄

Der Film jedenfalls war ein voller Erfolg, es gab viele explodierende Autos (yeah 😂) und sehr gute schauspielerische Leistungen. Da störte es auch nicht, dass die Handlung gegen Ende etwas unlogisch wurde (warum sollte der fiese Oberkiller sich mit dem Protagonisten in dessen Auto setzen, das er eigentlich zur Strafe in die Luft jagen wollte – da würde er ja selbst bei draufgehen??). Den Zug zurück nach Trassenheide verpasste ich leider knapp und griff stattdessen auf ein Usedom-Rad zurück. Aber: So ein Mist, weil ich die App installieren und meine Daten neu eingeben musste, dauerte meine Rückfahrt sechzehn Minuten und damit wurden zweimal 15 Minuten berechnet. Zwei Euro für die kurze Fahrt, die sind echt richtig teuer geworden…

Montag, 11.09.23

Nicht umsonst habe ich einen prall gefüllten Koffer für einen Sieben-Tage-Urlaub mitgenommen. Darin verbergen sich unter anderem Sportklamotten sowie Lauf- und Indoor-Sportschuhe. Meinem guten Vorsatz folgend, auch im Urlaub zumindest ein bisschen was für die Gesundheit zu tun, stand ich kurz nach acht auf und ging in den hoteleigenen Fitness-Raum. Dort warteten insgesamt sechs Geräte fürs Krafttraining, ein Laufband, ein Stepper und ein Ergometer (= Fahrrad). Alles mit verstellbaren Gewichten bzw. regulierbarer Geschwindigkeit. So absolvierte ich ein kleines Morgen-Workout, ähnlich wie beim Fitness-Studio: Drei Kraftgeräte jeweils ca. eine Minute, dann ein Kardio-Gerät. Vom Laufband werde ich mich allerdings in Zukunft fern halten, da wird mir jedes Mal schwindlig, wenn das Training vorbei ist… Zum Abschluss ging ich in den Nebenraum und brachte mithilfe von Gymnastikball und Liegematte meinen Bewegungsapparat etwas auf Vordermann.

So sportlich wie der Tag begann, sollte er auch weitergehen. Bereits im Vorfeld hatte ich mir aus der Bibliothek in Dresden Kartenmaterial besorgt und eine Strecke für eine kleine Fahrradtour überlegt. Die Route führt ins Hinterland Usedoms, auf die Halbinsel Gnitz in Richtung Südost, ca. 25 Kilometer insgesamt. Mit etwas Proviant und viel Wasser ging es los – doch zunächst nur bis zur Sandskulpturen-Ausstellung am Rande von Trassenheide. Dort war ich bisher noch nicht und der Eintritt war mit sechs Euro erschwinglich.

Im Inneren der Halle herrschten fast dreißig Grad 🥵… Doch der Besuch lohnte sich absolut, denn es warteten ungefähr ein Dutzend Kunstwerke aus reinem Sand darauf, bestaunt zu werden. Dargeboten wurden Motive aus verschiedenen Ländern und Kulturen, unter anderem der Palast „Angkor Wat“, der Chinesische Drache und eine stilisierte Karte Australiens mit Tieren, die nur dort zu finden sind. Auch bestimmte Ereignisse der Menschheitsgeschichte wurden visualisiert, etwa der Wettlauf ums All zwischen den Supermächten USA und UdSSR, oder der „Día de los Muertos“, welcher in Mexiko an Allerheiligen begangen wird, um der Toten mit prächtigen Farben zu gedenken.

Beeindruckend waren die vielfältigen Techniken, mit denen dreidimensionale Effekte aus hart komprimierten Sandblöcken geformt wurden – zum Beispiel sich umschlingende Pflanzenblätter, Drachenschuppen, hunderte Ornamente der Notre-Dame-Kirche oder ganze Landschaften bestehend aus Wolkenhimmel, Palmenwald und Gebäuden im Vordergrund. Um ihre Kunstwerke anzufertigen, benutzten die Künster:innen übrigens zahlreiche Werkzeuge (Pinsel, Schablonen) oder zweckentfremdete Gegenstände wie Pferdebürsten oder Teelöffel.

Als ich aus der überhitzten Halle kam, schlug mir ein herrlich kühler Wind ins Gesicht. Nun begann die Fahrradfahrt, welche mich zuerst durch Bannemin an einem Oldtimer-Verleih und einer Ziegenweide entlang führte. Dann ging es in Richtung Osten nach Krummin, wo ich an einem kleinen Naturhafen verweilte und die Hausboote betrachtete, welche dort zur Vermietung bereit standen. Nach meinen Recherchen kostet der Spaß allerdings 180 Euro pro Nacht in der Zwischensaison – ein bisschen happig für ein paar Quadratmeter Private Space umgeben von Yachten und kleineren Nussschalen. Besonders schön fand ich hingegen die Strandstühle, welche am Hafen aufgestellt waren und zum Dösen einluden.

Weiter ging es über einen holprigen Betonweg (diese typischen DDR-Platten sind echt grauenvoll) entlang des Peenestroms ins beschauliche Neuendorf. Auch dort warteten zwei Naturhäfen auf neugierige Besucher – wenngleich außer mir weit und breit keine Menschenseele zu sehen war. Meine ursprüngliche Route hätte mich entlang des Naturschutzgebietes nahe beim Wasser geführt, doch die Wege waren für Fahrräder nicht optimal geeignet. So entschied ich mich stattdessen für die Hauptstraße, neben der ein separater Fahrradweg gebaut war.

Nach kurzer Zeit erreichte ich den Ort Lütow, welcher relativ abrupt am Achterwasser endet. Mehrere Privatgrundstücke grenzen direkt ans Ufer, sind jedoch nicht frei zugänglich. Wenn man stattdessen einen kleinen Haken nach Westen schlägt, gelangt man nach 1,5 Kilometern an einen Naturwanderweg. Dort schloss ich mein Fahrrad kurz an und gönnte mir einen Blick über die malerische Kulisse.

Mittlerweile war es siebzehn Uhr und eine kühle Brise zog auf. Da ich weder Jacke noch Pullover dabei hatte, aber meine restliche Route gern absolvieren wollte, radelte ich weiter bis in den kleinen Ort Netzelkow. Dort lag ein Restaurantschiff namens „HafenLiebe“ vor Anker, welches aufgrund von Umbaumaßnahmen allerdings nur Getränke und keine Speisen anbot. So bestellte ich ein Radler und setzte mich aufs Außendeck, um den Blick über die kleine Insel Gormitz zu genießen. Dieses Eiland wurde vor einigen Jahren von einem Eigentümer aufgekauft, welcher kurzerhand die bis dahin existierende Landverbindung wegbaggern ließ (so erzählte es mir der Restaurantbesitzer). Auf der Insel befanden sich noch einige Ruinen, welche vom gegenüber liegenden Ufer gut sichtbar waren.

Als letztes stand noch die Rückfahrt nach Zinnowitz auf dem Plan. Der Gegenwind, welcher zwischendurch recht kräftig geworden war, ließ zum Glück nach und ich konnte ungestört die letzten acht Kilometer zurücklegen. Am Ortseingang befanden sich hübsche Häuser mit braunen Dächern, die mich an Skandinavien erinnerten.

Nachdem ich mein Fahrrad abgegeben und eine Toilette gefunden hatte (was gar nicht so leicht war), beschloss ich mir ein nettes Restaurant zu suchen (was ebenfalls nicht leicht war, denn in durchgeschwitzten Klamotten mit kurzer Hose und Rucksack fühlte ich mich in Schwabe’s Restaurant zwischen lauter alten Menschen in feinen Kostümen und Anzügen irgendwie fehl am Platz).

Schließlich wurde es das „Bella Italia“ direkt an der Strandpromenade. Keine gute Wahl, wie sich später herausstellte. Die Pizza schmeckte mittelmäßig und war definitiv zu teuer. Das Personal machte einen dubiosen Eindruck: Ein älterer Herr stand hinter der Bar und putzte grimmig Gläser. Ein mittelalter Typ mit gegeltem Haar gefiel vor allem sich selbst, ein dritter stand regungslos in der Küchentür. So musste der jüngste Kellner allein von Tisch zu Tisch rennen, Bestellungen aufnehmen und abkassieren. Immerhin war das Essen schnell zubereitet. Als ich anschließend bezahlen wollte, wurde mir die Kartenzahlung verweigert. Ein starkes Stück an einem so prominenten Platz direkt am Strand, und das ohne jeden schriftlichen Hinweis! So musste ich in den sauren Apfel beißen, bei der Volksbank um die Ecke Geld abheben und dafür fünf Euro Gebühren bezahlen 😒. Aufgrund des aus meiner Sicht schlechten Services gab ich kein Trinkgeld – der gegelte Typ hatte jedoch andere Vorstellungen und wollte einen Teil des Wechselgeldes einfach behalten. Erst auf Nachfrage rückte er die fehlenden 20 Cent heraus und war sehr beleidigt. Mein Tipp: Wenn ihr in Zinnowitz seid, sucht euch besser ein anderes Restaurant.

Nach diesem herrlichen Tag verbrachte ich den Abend nach Sonnenuntergang unter dem Sternenhimmel auf der großen Terrasse des Hotels. Feuchter Nebel stieg auf und umspielte die dezenten Lampen am Wegesrand, während ein großes Holzschiff im Hintergrund darauf wartete, am nächsten Morgen wieder als Spielplatz für die Kleinen zu dienen. Mit einem Glas Wein (es gibt Getränke – kostenlos – bis 22:30 Uhr jeden Tag!) ließ ich die Erlebnisse des Montags auf dem Balkon ausklingen.

Dienstag, 12.09.23

Wie erwartet, hielt mich der Schlaf nach den Aktivitäten des Vortags länger im Bett als üblich. So musste ich mich ran halten, noch rechtzeitig beim Frühstücksbuffet aufzuschlagen, bevor es geschlossen wurde. Zum Glück konnte ich auch nach elf Uhr noch ein bisschen im Restaurant sitzen bleiben und ungestört aufessen.

In Erwartung eines bevorstehenden Regenschauers verbrachte ich den frühen Nachmittag im Hotelzimmer, schrieb ein paar Postkarten und setzte ein WordPress-Blogsystem für mein Reisetagebuch auf (dadurch könnt ihr jetzt praktischerweise diesen Bericht lesen 😊). Das kühle Nass von oben blieb jedoch aus und so schnappte ich mir irgendwann meinen Laptop, ein USB-Kabel sowie mein Smartphone und suchte mir ein gemütliches, schattiges Plätzchen in der Nähe eines Holzleuchtturms auf dem Hotelgelände. In diesem Bereich war ich zuvor noch nie gewesen – kleine Apfelbäume säumten den aus hellen Hackschnitzeln bestehenden Fußweg, welcher um einen saftgrünen Hügel herum führte, direkt zu einem kleinen Pavillon.

Auf einem Sitz an einem Gartentisch ließ ich mich nieder und verband das Smartphone mit dem Laptop. Kurze technische Erklärung: Die Netzwerkkarte dieses Super-Duper-Highend-Gerätes ist zu modern, um mit veralteten WLAN-Routern klar zu kommen. So muss ich das Handy als „Ersatz-Router“ benutzten und über USB-Tethering eine Netzwerkverbindung herstellen. Anschließend begann ich, das erste richtige Kapitel meines Romans „Die Silvesterinseln“ nieder zu schreiben. Die inspirierende Umgebung und frische Landluft halfen mir gut dabei. Dank des Wikis, welches ich ebenfalls installiert hatte, kann ich ab sofort meine Geschichte direkt auf dem eigenen Server in der Cloud speichern und muss nicht mehr überall hin meine externe Festplatte mitschleppen. 💪

Der Abend verlief unspektakulär, es gab noch die restliche Gulaschsuppe zu essen und einen gesunden Möhrensnack, bevor ich den Abend routinemäßig in der Sauna verbrachte.

Mittwoch, 13.09.23

Mein Usedom-Urlaub hätte beinahe viel teurer werden können. Das Angebot, welches ich bei booking.com Ende August gefunden hatte, galt nämlich irgendwann nicht mehr. Zum Glück gab es direkt auf der Hotelwebsite die Möglichkeit, ein Einzelzimmer zu buchen – mit rund 130 Euro pro Nacht zwar nicht billig, aber unter Berücksichtigung des Preis-Leistungs-Verhältnisses durchaus annehmbar.

Da ich schon am Freitag meine erste Übernachtung hatte, wählte ich den klassischen Zeitraum von einer Woche (= 7 Übernachtungen). Doch bereits am zweiten oder dritten Urlaubstag kam mir der Gedanke, noch eine weitere Nacht auf der Ostseeinsel zu verbringen. So traf ich an diesem Morgen meinen Entschluss, ging zur Rezeption und buchte eine weitere Nacht im selben Zimmer – dieses Mal betrug der Preis „nur“ 108 Euro. So gesehen hab ich fast ein Schnäppchen gemacht 😂.

Der Mittwoch sollte vor allem entspannend werden. Dazu trug maßgeblich die zweite Wellness-Einheit dieses Urlaubs bei – eine Classic-Massage (Schulter, Nacken, Rücken), bei der ich 25 Minuten durchgeknetet wurde. Anschließend war ich eine Weile in den Thriller „Sleepless“ vertieft, in welchem die fiktive Hipster-Droge namens Sleepless es den Menschen ermöglicht, nahezu ohne Schlaf ihr normales Leben zu führen. Eine zugleich inspirierende und sehr beängstigende Vorstellung…

Gegen Abend schlenderte ich zur fünf Gehminuten entfernten Pommernstube Trassenheide. Leider waren schon alle guten Restaurantplätze belegt, doch es gab noch einen Tisch im hinteren Seitenbereich. Der Backfisch mit Kartoffeln und Krautsalat sowie das Schwarzbier ließen keine Wünsche offen (ganz im Gegensatz zur Spelunke „Bella Italia“ in Zinnowitz, siehe den Eintrag vom Montag).

Donnerstag, 14.09.23

Wieder einmal sollte der Tag im hoteleigenen Fitness-Studio beginnen. Wieder einmal war ich eigentlich zu müde und träge, quälte mich aber doch hoch und absolvierte mein Trainingsprogramm inklusive Übungen auf dem Gymnastikball. Beim Googeln nach inspirierenden Workout-Vorschlägen kam schnelle Ernüchterung auf – bei den anderen sieht das alles so leicht aus, aber wenn man versucht es nachzumachen… 🥵🥴

Nach dem Frühstück machte ich einen Ausflug nach Zinnowitz ins Eisenbahnmuseum, welches sich direkt am Bahnhof befindet. Ein mürrischer älterer Mann empfing mich und teilte mir mit, dass keine Kartenzahlungen möglich seien („Wissen Sie eigentlich, was wir dann für Extrakosten hätten?“). Als ich meinen Fünfzig-Euro-Schein zückte (das einzige Bargeld, das ich dabei hatte), stöhnte er laut auf und erwiderte: „Also noch kleiner haben Sie’s nicht, oder?“. Soooo typisch deutsch (siehe auch meinen Beitrag vom Montag – ob dieses typisch Deutsche wohl an Zinnowitz liegt?? 🤔).

Apropos „typisch deutsch“…

Als der Herr mich dann noch tadelte, warum ich die Eintrittskarte für das Museum (eine Original-DR-Fahrkarte aus den Sechzigern, wie mir wortreich mitgeteilt wurde) einfach achtlos in die Tasche steckte, anstatt sie ausgiebig zu bewundern, wurde ich langsam sauer. Mit großen Schritten ging ich ans andere Ende der Ausstellung, möglichst weit weg von dem Kerl. Zum Glück gab es dort einiges zu bestaunen, sodass meine schlechte Laune schnell verflog.

Eine große Wandtafel berichtete von der schrittweisen Elektrifizierung des Usedomer Bahnnetzes, zahlreiche Fahrtenbücher und historische Eisenbahndokumente ließen sich bestaunen. Dazwischen reihten sich altertümliche Abfahrtpläne und diverses Equipment aus der Nautik – etwa ein Taucheranzug. Dies lässt sich einfach erklären: Im Prinzip handelt es sich bei dem Museum nämlich um eine Kombination aus Heimat- und Eisenbahnmuseum, sodass mehrere scheinbar unpassende Exponate sich nebeneinander gesellen.

Als krönender Höhepunkt wartete eine große Modellbahn-Anlage darauf, den Besuchern eine detailgetreue Rekonstruktion des historischen Zinnowitzer Bahnhofs zu bieten. Ehe ich mich’s versah, stand plötzlich der Eintrittskarten-Verkäufer hinter mir und strahlte übers ganze Gesicht. In dem Moment wurde mir klar, dass ich es mit einem waschechten Eisenbahnfreak und Modellbahn-Bastler zu tun hatte, was dann auch sein anfängliches Verhalten erklärte. Er blühte regelrecht auf, als er mir jedes Detail über seine Miniaturwelt erklären durfte – von der Spurbreite über die Kleidung der Bahnarbeiter bis hin zu winzigen, versteckten Häschenfiguren.

Im Anschluss gab es ein verspätetes Mittagessen in der Pension & Restaurant Admiral. Begleitet wurde es von einem anstrengenden, allein reisenden Mann, der eine stinkende Pfeife rauchte und mich aufdringlich ansprach. Er wollte irgendeine Adresse vom Fernsehsender SKY wissen, um denen eine Postkarte mit einer Beschwerde zu schicken. 🥸 Außerdem fragte er mich nach dem Hotel, in dem ich Urlaub mache, und erklärte besserwisserisch, wie furchtbar schlecht die Seeklause und die Umgebung ja seien. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und ignorierte ihn, woraufhin er sich neue „Opfer“ unter den Gästen suchte…

Nachdem ich ein paar Souvenirs gekauft hatte (es war zum Glück noch nicht 18 Uhr 😉), ging es weiter mit der UBB zum Seebad Ahlbeck – letzter Halt vor der polnischen Grenze. Mein Besuch der 280 Meter langen Ahlbecker Seebrücke bot einen malerischen Ausblick über die lange Inselküste. An der Spitze der Brücke legte gerade ein Dampfer der Apollo Fähren an brachte einige Ausflugsgäste zurück.

Der Sand bei den Seebädern ist immer besonders feinkörnig und hell leuchtend. Beflügelt vom guten Wetter und der leichten Salzbrise beschloss ich, den etwas mehr als einen Kilometer langen Fußweg barfuß am Strand Richtung Heringsdorf zurück zu legen. Die Seebrücken sehen nämlich so aus, als wären sie nur einen Katzensprung voneinander entfernt, aber der erste Eindruck trügt: Tatsächlich brauchte ich fast eine Stunde! Dafür konnte ich unterwegs Seemöwen und Krähen beobachten, wie sie in kleinen Wasserläufen badeten, die sich am Ufer gebildet hatten. Etliche Sandburgen mit Deko aus Seetang und tiefen Gräben säumten den Strand.

Ein perfekter Ort übrigens, …
… um gleich ein paar Erinnerungs-Selfies …
… mit und ohne Sturmfrisur zu machen 🤣🤣🤣

Mittlerweile war ein kühler Wind aufgezogen. Schließlich hatte ich die Seebrücke Heringsdorf erreicht und genehmigte mir am Ende der Brücke ein Abendessen im Restaurant Ponte Rialto. Es gab Hähnchenschnitzel mit Bratkartoffeln und anschließend einen riesigen Bananensplit mit Sahne und Schokosauce – extrem lecker und auch hochpreisig, aber wie oft kann man schon einen malerischen Sonnenuntergang mitten über der Ostsee beobachten?

Dieser Trompetenspieler hatte übrigens schon leicht einen sitzen, während er zur Musik aus einem quäkigen Lautsprecher diverse Melodien zum Besten gab. Leonard Cohen hat zu Lebzeiten bestimmt noch nie eine solch einzigartige Interpretation seines Klassikers „Hallelujah“ zu Ohren bekommen 😊

Trotz vollem Magen musste ich ein bisschen sprinten, um rechtzeitig am Bahnhof Heringsdorf zu sein (selbst in den Seebädern werden nach Einbruch der Dunkelheit bald die Bordsteine hochgeklappt). Die Rückfahrt begann mit einem engen Ersatzbus, bevor wir in Ückeritz in die Bahn umsteigen konnten. Gegen 21:30 Uhr kam ich wieder in der Seeklause an, duschte fix und verbrachte noch eine Runde in der Biosauna.

Was für ein effektiver Tag! Urlaub soll natürlich vorrangig der Erholung dienen, aber wenn man so viele Erlebnisse in 24 Stunden unterbringen kann, ist das schon was 🙂.

Freitag, 15.09.23

Dadurch, dass ich noch eine Übernachtung zu Samstag hinzugebucht hatte, stand mir der gesamte Freitag zur freien Verfügung, ohne stressige Rückfahrt wie ursprünglich geplant. So tat ich etwas, das ich noch nie gemacht hatte: Mittags bereits in die Sauna gehen und die Seele baumeln lassen. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, den gesamten Spa-Bereich für sich allein zu haben. Andererseits gab es keine wirkliche Abkühlung, als ich nach dem Saunieren an die frische Luft ging (es waren immer noch über zwanzig Grad im Schatten). Und außerdem fanden in den frühen Nachmittagsstunden Mäharbeiten auf den Grünflächen statt, sodass ich nicht draußen liegen und lesen konnte (zudem schien es mir, als ob die Lautsprechermusik hochgedreht wurde – vielleicht, um die Rasenmäher zu übertönen? 🤣).

Miniatur-Welt am Strandweg zum Seebad Trassenheide
Am Spätnachmittag waren kaum noch Badegäste übrig…

Später am Nachmittag wollte ich den Shuttle-Service des Hotels mal ausprobieren. Bisher war ich immer zu Fuß gut zwei Kilometer von der Seeklause bis zum Strand des Seebades Trassenheide gelaufen. Doch es gibt einen kleinen Bus, der mehrmals täglich die Hotelgäste kostenlos bis ans Meer fährt – diesmal war er so gefragt, dass ich erst mit der zweiten Fahrt an Bord konnte.

Nach den Regenschauern der vergangenen zwei Tage war es merklich frischer und windiger geworden. Etwas gewagt legte ich mich in der Nähe der Dünen in den Sand und sonnte mich, doch so weit oben bekam ich von der Zugluft eine Gänsehaut. Dafür genoss ich es umso mehr, ins kühle Nass zu springen, denn dort war es kaum kälter als am Strand und mir fröstelte erst, als ich das schäumende Wasser wieder verließ.

Just an diesem Wochenende begann ein musikalisches Ereignis der Nachsaison: Das 9. Usedomer Shanty-Chor-Festival 🎼🎷. Erwartungsfroh suchte ich nach meinem Strandabstecher den Konzertplatz in Trassenheide auf, um mir das aus nächster Nähe anzuhören. Allerdings hatte ich – nun ja – doch mit einem etwas höheren musikalischen Anspruch gerechnet 😂. Aber es kann eben nicht jeder Chor mit dem Niveau eines Jazzchor Dresden mithalten 💪.

Durch meine zwei Urlaube in Trassenheide im vergangenen Jahr 2022 kannte ich schon einige Gastronomien und wollte für das Abschluss-Abendessen dennoch ein neues Restaurant ausprobieren. So fiel meine erste Wahl auf den Knurrhahn, denn er lag direkt auf meinem Rückweg. Glück gehabt, es war noch genau ein kleiner Tisch frei, die restlichen Sitzplätze waren vollständig ausgebucht. Fun Fact: Mir war bis dato nicht bewusst, dass es sich bei Knurrhähnen um Meeresfische handelt. Doch mit diesem Wissen verstand ich, warum es anstelle von Chicken-Wings eine gut sortierte Speisekarte von Fisch- und Meerestiergerichten gab 😊.

Rückblick: Meine Urlaubserlebnisse und Eindrücke

  • Immer einen Besuch wert: In Usedom lassen sich auch nach mehreren Jahren noch kleine Perlen entdecken, wie etwa das Hinterland auf der Halbinsel Gnitz oder ein Oldtimer-Verleih bei Mölschow.
  • Seeklause bietet Flair und Abwechslung: Wenngleich nicht billig, so stimmt hier einfach das Gesamtkonzept für Alleinreisende und Familien. Auf dem riesigen Außengelände habe ich wieder neue Rastplätze und Rückzugsorte gefunden, die mir noch nie aufgefallen waren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert