Aarhus, die zweitgrößte Stadt Dänemarks mit rund 300.000 Einwohner:innen, hat nicht nur optisch und kulinarisch einiges zu bieten. Alle zwei Jahre findet dort eines der größten Festivals der europäischen Chor- und Gesangs-Szene statt: Das Aarhus Vocal Festival, kurz AAVF. Meine erste Teilnahme an diesem ganz besonderen musikalischen Erlebnis kannst du in diesem Blogpost verfolgen.

TIPP: Solltest du dich fragen, was ein musiktheoretischer Exkurs in einem Reiseblog zu suchen hat – dann scrolle einfach runter zu "Dienstag, 21.05.2024". Im Anschluss an das Vocal-Festival habe ich nämlich mit ein paar Freunden das Nationalmuseum "Den Gamle By" besucht, einen Abstecher zum Nationalpark "Mols Bjerge" bei Rønde gemacht und ein ganz besonderes Hafenbistro am Rande von Aarhus entdeckt...

Donnerstag, 16.05.2024

Meine Reise beginnt mit der Deutschen Bahn und da es bis nach Dänemark ziemlich weit ist, trete ich bereits um 07:30 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof mit drei Freund:innen meine Reise an. Wir wollen am späten Nachmittag unser Ziel erreichen, um gemeinsam die abendliche Pre-Festival-Party zu erleben.

Die Zugfahrt mit dem ICE verläuft entspannt – bis wir kurz vor Hamburg plötzlich stehen bleiben. Ich habe sofort ein Déjà-Vu von meinem Januar-Urlaub in Esbjerg, als es ebenfalls irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern zu Verzögerungen kam. Schließlich rollen wir für einen außerplanmäßigen Zwischenstopp in Brahlstorf ein und nutzen die Zeit, um ein kleines Outdoor-Selfie bei kräftigem Wind am Bahnsteig zu schießen.

Plötzlich ertönt eine Zugdurchsage: Streckensperrung, keine Weiterfahrt möglich. Wir trauen unseren Augen kaum, als wir auf dem Informationsmonitor sehen, wie es fast die ganze Strecke wieder zurück geht über Wittenberge und schließlich weiter nach Stendal, Salzwedel und Uelzen. So wächst die Verspätung auf sage und schreibe vier Stunden an – selbst für die DB ist das enorm. Um der schlechten Laune vorzubeugen, spielen wir ein paar Runden Wizard und ich hätte fast in Runde 13 von 15 gewonnen – aber eben leider nur fast 🤷… Um die Mittagszeit öffnet erfreulicherweise das Bordbistro. Zwei Hauptspeisen stehen zur Auswahl: Chili con Carne und Currywurst. Durchaus essbar, wenn man das Preis-Leistungs-Verhältnis außen vor lässt.

Unsere ersehnte Ankunft in Hamburg erfolgt schließlich gegen 16 Uhr. Wir kaufen schnell ein paar Lebensmittel ein und rennen dann zu Gleis 8, wo wir auf den Eurocity nach Dänemark warten. Dort steht bereits ein Zug, doch der sieht nicht besonders dänisch aus und die Anzeigetafel steht im Widerspruch zur Streckenanzeige am Wagen. Ringsumher tummeln sich verwirrte und genervte Passagiere. Nach wenigen Minuten fährt der Zug ab und die Anzeigetafel wird leer. Eine schwer zu verstehende Lautsprecherdurchsage verkündet – April, April – dass heute keine Züge mehr nach Dänemark fahren, da die Strecke in Richtung Norden komplett gesperrt sei.

An diesem Punkt kippt die Stimmung. Mangels Alternativen stellen meine Freunde und ich uns – gemeinsam mit etwa einhundert anderen Menschen – vor dem Bahncenter an, um nach einer Alternative zu suchen. Es ist furchtbar heiß, wir sind durchgeschwitzt und müde, hinzu kommt langsam ein leichter Hunger. Die Bahnhofstoiletten scheinen zur Saunalandschaft umgebaut worden zu sein – keine Belüftung und gefühlt vierzig Grad…

Plötzlich gibt es eine positive Wendung: Wir stehen auf einer Taxi-Liste für die Weiterreise! Dafür scheint die Bahn genug Geld übrig zu haben. Immerhin. Keine Viertelstunde später verstauen wir unser Gepäck in einem Großraumtaxi, wo wir zu viert bequem Platz finden. Der Taxifahrer ist, diplomatisch gesagt, „echt krass“ drauf. Er telefoniert nonstop mit seinem Chef, füllt irgendwelche Zettel beim Fahren aus, wendet dann plötzlich scharf und lässt die Reifen fast am Bordstein platzen: Wir müssen nochmal zum Startpunkt am Hamburger Hauptbahnhof umkehren, damit er dort sein Taxameter starten kann. Zwischendurch plärrt sein Boss aus dem Handylautsprecher: „Bruder, du machst heute Umsatz von eine ganze Woche!“ Kann man sich nicht ausdenken 🙈. (Für alle Neugierigen: Die gesamte Fahrt kostet über siebenhundert Euro – zum Glück nicht aus unseren Taschen.)

Um das abenteuerliche Fahrverhalten besser zu ertragen, entwickeln wir individuelle Strategien. Ich hole meinen Laptop aus der Tasche, stecke mir In-Ears in die Ohren und setze mein vierstimmiges Arrangement von „Honesty“ (Billy Joel) fort – quasi als Einstimmung für das bevorstehende Vocal-Festival. In Höhe von Flensburg fragt der Fahrer nervös in die Runde, ob das wohl mit der Fahrt über die Grenze alles klappen würde. Tut es in der Tat: Eine hübsche dänische Polizistin winkt uns kurz zu und lässt das Taxi kontrollfrei passieren 😊.

Die Sonne verschwindet allmählich hinter dem Horizont. Kurz vor 22 Uhr erreichen wir (endlich) den Bahnhof von Fredericia: Von hier aus müssen wir noch eine knappe Stunde bis Aarhus mit dem dänischen Schnellzug fahren. Der ist ziemlich voll, aber wir schaffen es, mitsamt unserem Gepäck einzusteigen. Mit einer Gesamtverspätung von fast sieben Stunden kommen wir zehn Minuten vor Mitternacht in „Aarhus Central“ an: Geschafft 🎉! Ans Partymachen ist allerdings nicht mehr zu denken, dafür sind wir viel zu k.o. So gehen wir einen kleinen Fußweg entlang durch die hübsche Stadt bis zu einem Kanal, an dem sich unsere Wege trennen. Meine Freunde checken direkt im Danhostel ein, ich laufe zum Cabinn weiter, wo ein sehr kleines Zimmer mit winzigem Bad auf mich wartet. Aber immerhin: Ziel erreicht 💪.

Freitag, 17.05.2024

Ausschlafen ist etwas Schönes, vor allem nach einem so strapaziösen Anreisetag. Der Tag beginnt unkompliziert und stressfrei, denn das Aarhus Vocal Festival beginnt erst um 14 Uhr. Wir finden uns gemeinsam mit zahlreichen Sänger:innen aus halb Europa im Foyer des Musikhuset Aarhus ein, eines großen Konzert- und Kulturzentrums, wo in den kommenden Tagen dutzende Workshops und Coachings stattfinden werden. Beim Open Singing werden Liedblätter verteilt mit zwei eigenen Pop-Arrangements der Veranstalter.

Abends beginnen die Eröffnungskonzerte im Ridehuset, einem separater Veranstaltungsraum, der im 19. Jahrhundert als Reithalle fungiert hat und während des Festivals als Speise- und Tanzsaal genutzt wird – mit einer großen Bühne für Ensembles und Chöre. Während die meisten Beiträge „a cappella“ vorgetragen werden (also ohne Instrumente), werden wir zunächst von einer richtigen Band in Stimmung gebracht.

Allmählich erscheinen mehr und mehr frisch Angereiste, denn die Halle wird immer voller. Irgendwann ist es mir zu warm drinnen und ich gehe vor die Tür, um frische Luft zu schnappen. Ein paar Meter abseits steht ein guter Freund von mir, seines Zeichens Beatboxer und Fan des Barbershop-Genres. Er hat sich spontan mit drei Dän:innen, einem Finnen und einem (mir unbekannten) Deutschen zusammen getan und sie singen gemeinsam „Tags“ – das sind kurze Melodien mit metaphorischen Texten und komplexer Harmonik, die einen sehr speziellen Sound haben. Richtig coole Sache 😎!

So vergehen die Stunden mit erfrischendem Gesang und angeregter Plauderei. Ehe ich mich’s versehe, ist es nach Mitternacht und wir spazieren ein Stück gemeinsam entlang des Kanals „Aarhus Å„. An einer gemütlichen Stelle mit markanten Treppenstufen bleiben wir zusammen stehen und plaudern mit einer finnischen Gruppe, die sich als „Musta Lammas“ vorstellt. Was für ein gelungener Auftakt für ein internationales Get-To-Know 🙃.

Samstag, 18.05.2024

  • zwei Workshops mit Peder Karlsson (ehemaliges Mitglied von The Real Group) zum Thema Songwriting for Vocal Groups (eigentlich hatte ich einen Beatbox-Workshop eingeplant, aber Andrea meinte, der wäre sowieso nicht besonders hilfreich gewesen)
  • mittags um 12:55 Uhr Auftritt im Ridehuset; kleines Publikum, das aber sehr begeisterungsfähig war und ordentlich ab ging; anschließend Musta Lammas zugehört (Spitzensound)
  • 16:15 Uhr gabs einen Gemeinschafts-Workshop mit den Hamburg Voices unter Anleitung von Christian Fris-Ronsfeld; Alessandra hat mich als Mitsänger von Jürgen erkannt (ich dachte an der Kleidung, aber er hatte sie informiert)
  • am frühen Abend gab es eine Performance von „Choreos“, das wie eine moderne Oper wirkte: begleitet von einem Akkordeon tanzten 15 Darsteller:innen in weißen Gewändern mit einem großen weißen Tuch, das abwechselnd zu einem Boot geformt wurde oder zu einer Barriere. Es war sehr modern und perfekt inszeniert, traf aber leider überhaupt nicht meinen Geschmack (dafür fielen mir die Darsteller:innen zu oft am Ende eines Liedes einfach um)
  • anschließend performten die Swingles und brachten wieder richtig gute Stimmung in den Laden; aus Platzmangel saß ich neben einem Dänen (Malte), mit dem ich einen Tag später unsere Handynummern austauschte
  • spätabends Party hard mit Jazzchor der Uni Bonn und DJane, die bis nachts halb zwei ihre Platten auflegte (und dabei einige zerkratzte Exemplare erwischt hatte, denn der Sound war ziemlich verzerrt zwischendurch)
  • nachts um viertel drei in einen Burgerladen gegangen mit Micha, Doro und Anja

Sonntag, 19.05.2024

  • vormittags Workshop zu Complete Vocal Technique in Action mit Julia Zipprick aus Köln; wichtige Wiederholung der Gesangstechniken (das sollte ich ab jetzt regelmäßig üben)
  • etwas dürftige Mittagsportion, aber der Salat war gut (nur das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Essen stimmte nicht so ganz)
  • um 14 Uhr begann der genialste Workshop des Festivals: „Simple to Complex Harmony“ von James Rose (Bariton von Accent); anhand einer simplen Melodie zum Text „Everytime I have to say goodbye, I die a little“ wurde in acht Schritten ein komplexes Jazz-Pattern entwickelt (vielen war es zu anspruchsvoll, aber es gab auch einige Musiktheorie-Nerds, mich eingeschlossen)
  • „Arranging by Ear“ war leider sehr langweilig und rudimentär, darum bin ich vorzeitig gegangen und habe mich dem Jazzchor bei einem Gruppen-Coaching mit Peder Karlsson angeschlossen (goldrichtige Entscheidung – er holte die volle Power aus uns raus; außerdem hörte ich ein geiles Arrangement von „Can you feel the love tonight“)
  • nach dem Abendessen extremer Höhepunkt im Musikhuset: KREADO, eine musikalische Inszenierung der Schöpfung eines Klang-Kosmos. Beginnend mit Dunkelheit und funkelnden Sternen, entwickelten sich mit einer A-Cappella-Adaption der Air von J. S. Bach (F-Dur) allmählich Wasser und Himmel. Als eine goldene Sonnencorona projiziert wurde, hatten Lukas und ich gleichzeitig die Inspiration von Saurons Auge – Andreas‘ Reaktion: „Zwei Dumme, ein Gedanke“ 😅
  • zweite Hälfte begann mit Body Percussion und Trommeln sowie Cajon, dann kamen immer mehr Ensembles auf die Bühne: Vocal Line, Musta Lammas (auf den Emporen), die Swingles und mehrere afrikanische Solist:innen. Den krönenden Abschluss bildeten alle gemeinsam mit dem Song „Ubuntu“ (das Publikum durfte mitsingen)
  • erstmals gab es bei der Abendparty im Ridehuset eine Live-Band mit Instrumenten. Wir tanzten in erster Reihe mit dem Jazzchor Dresden, außerdem tummelten sich einige Choreos und Mitglieder vom Jazzchor der Uni Bonn (es gab übrigens im Ridehuset das leckerste Pale Ale aller Zeiten, mit dem Titel „Alto IPA“ 😋🍺)
  • nachts am Kanal vertraute Stimmen gehört: Die Musta Lammas waren wieder zugegen und hatten guten Alk dabei 😅. Micha freute sich über eine VoPa Session mit ihnen, denn endlich waren mal alle „on point“ mit dabei. Außerdem Kontaktdaten ausgetauscht mit Lars, mit dem Tim und ich schon am Freitag gesungen hatten.
  • als die letzten Töne gesungen waren, wurde es bereits hell und ich war schließlich erst halb fünf im Bett

Montag, 20.05.2024

  • nach dem Frühstück im Danhostel Verabschiedung von den meisten Jazzchoris (etwas sentimentale Stimmung 🥲)
  • mit Tim, Jenny, Mira und Judith zur grünen Wiese vor dem Musikhuset gelaufen und mit zwei Sänger:innen vom Jazzchor der Uni Bonn gequatscht; später kamen Peder Karlsson und James Rose noch vorbei
  • um 11 Uhr Rückblick der Workshop-Dozenten auf das Festival und anschließend Feedback-Runde des Publikums; danach noch etwas offenes Singen (Sören und ich hatten uns zum Burger Shack verzogen, um unseren Hunger zu stillen)
  • nachmittags gab es den allerletzten Beitrag in einem kleinen Raum im Musikhuset, bei dem eine US-amerikanische Formation fast eine Dreiviertelstunde lang improvisierte Klänge, Rhythmen und Tänze präsentierte und uns einlud, am Ende mitzutanzen und uns zu begegnen (ich musste zwischendurch etwas gegen mein Mittagstief ankämpfen)
  • hinterher suchten Sören und ich unsere neue Unterkunft (Aarhus City Hotel) und verliefen uns zweimal, auch weil Google eine falsche Adresse in den Maps hinterlegt hatte)
  • abends verkosteten wir zum zweiten Mal in diesem Urlaub das Street Food (es würden noch weitere Abendessen dort folgen)

Dienstag, 21.05.2024

  • Sören hat uns schön aufs Kreuz gelegt: Er dachte, heute wäre sein Geburtstag, hatte sich aber im Datum geirrt! Trotzdem gab es standesgemäß ein „Happy Birthday“ vor dem Dom, anschließend gingen wir zum Bäcker. Dort gab es genial leckere Käsebrötchen und Cookies mit Schokolade und kleiner Salzkruste 😋
  • mittags zum „Den Gamle By“ gegangen (Freiluftmuseum) und Jenny und Mira dort getroffen
  • abends wieder beim Street Food gelandet, diesmal gab es (wegen großem Hunger) erst Butter Chicken und dann einen Cheese Burger (der leider fast auseinander gefallen ist)

Mittwoch, 22.05.2024

  • bei strahlendem Sonnenschein und neuem „Hitze-Rekord“ (22 Grad) mit dem Bus zum Nationalpark „Mols Bjerge“ bei Rønde gefahren (Sören und ich hatten nur was Kleines vom Bäcker gegessen und zu wenig Proviant mit)
  • Wanderung durch den Wald, kurz bei einer kleinen Kirche mit altem Friedhof gestoppt und den Ausblick übers Meer genossen
  • auf einem umgestürzten Baumstamm kurz gesnackt und ein Selfie gemacht (Jenny & Mira hatten vegane Muffins mitgebracht)
  • um die Mittagszeit am Meer angekommen: Im kleinen Hafen tobte mächtiger Wind und zerzauste unsere Frisuren
  • weiter Richtung Landzunge, wo ich ein ziemlich großes Chicken-Baguette aß (dafür war ich danach erstmal satt); anschließend gingen wir bei leichtem Sandsturm über die Landzunge zur alten Burgruine Kalø Slotsruin mit coolem Ausblick über die Ostseeküste bis nach Aarhus
  • kurze Verschnaufpause im City Hotel, Handyakku etwas aufgeladen, dann mit Badehose und Handtuch zum Strand „Den Permanente“ nördlich von Aarhus gelaufen (Wasser war sehr angenehm, ich war aber auch aufgeheizt vom Wandern – leider war es kiesig, denn der Hauptstrand war privat abgesperrt)

Donnerstag, 23.05.2024

  • ausgeschlafen, erst schönes Wetter, aber gegen Mittag regnete es sich ziemlich ein
  • mit Sören zum Hafenbistro gelaufen und lecker dänisches Fleisch gegessen mit Kartoffeln und Kräutersauce; außerdem den „Görlitz“-Burger gesehen
  • auf dem Rückweg die riesige AIDAbella im Hafen gesehen (nicht ansehnlich) und im City Hotel gechillt und gedöst
  • abends mit Jenny und Mira getroffen, kurz den „Vucano“ erklommen (und die nasse Rutsche heruntergerutscht – unangenehm 😉), dann weiter zum vegetarischen Restaurant „Tipsy“
  • geiles Essen mit selbstgemachten Pommes Frites, BBQ- und Sweet-Chily-Käse-Dips sowie einem super leckeren Burger mit Veggie-Chicken 😋; dazu ein Aperol Spritz
  • nach dem Essen ein Spiel im Stil von „Cards against Humanity“ gespielt, bei dem man Karten mit fiktiven Ortsbewertungen bestimmten realen oder fiktiven Orten zuordnen musste
  • Abschluss des Tages mit einer Taskmaster-Folge und den Überresten unserer Süßigkeiten

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