👁🗨 Auf einen Blick
| Zugegeben, ich bin schon seit Tagen ziemlich aufgeregt und nervös. Immerhin habe ich seit meinem Urlaub in Westkanada im Frühsommer 2019 keine Flugreise mehr unternommen. Meine Auslandsaufenthalte während der Corona-Pandemie steuerte ich stets mit dem Auto oder der Bahn an. Außerdem ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einer unbekannten Reisegruppe Aktivurlaub machen werde. Ursprünglich sollte es eine kombinierte Tour durch Schottland und Irland werden, doch die derzeitigen Preise für Alleinreisende holten mich schnell auf den Boden der Realität zurück. Nach zahlreichen und langwierigen Recherchen werde ich schließlich bei Highländer Reisen fündig: Das Angebot „Wandern in Schottland für Einsteiger“ überzeugt mich sofort. So sportlich und fit wie vor mehreren Jahren auf La Réunion bin ich mittlerweile nicht mehr – darum klingt die Kombination aus moderaten Wanderrouten, Whisky-Verkostung, Naturerlebnissen und Edinburgh-Sightseeing wie mein idealer Kurzurlaub. In diesem Beitrag erfahrt ihr, wie mir die britische Küche bekommen ist, wo Beatles-Fans auf ihre Kosten kommen und warum der Schottenrock ein „Kilt“ und kein „Skirt“ ist. Lasst euch inspirieren von Schottlands rauer Schönheit und entdeckt Edinburghs majestätische Kulisse voller Geschichte und Kultur! |
Sonntag, 14.07.24
In aller Herrgottsfrühe (genauer gesagt um 04:00 Uhr morgens) klingelt der Handywecker und reißt mich aus einem unruhigen Schlaf. Vor lauter Nervosität und Vorfreude habe ich nachts kaum ein Auge zu bekommen. Dementsprechend müde schnappe ich Rucksack und Koffer, lade beides ins Auto und fahre auf der A14 in Richtung Flughafen Leipzig/Halle. Ein leuchtender Sonnenaufgang blendet in meinem Rückspiegel und schenkt mir frische Kräfte für die bevorstehende Reise.

Überpünktlich erreiche ich das Parkhaus am Flughafen und drehe erstmal eine Ehrenrunde, weil ich den Eingang beim ersten Versuch nicht finden kann 🙈… Das untere Parkdeck ist für Mietwagen reserviert, auf der zweiten Ebene sind alle Parkplätze restlos belegt. Im dritten Stock werde ich schließlich fündig, stelle meinen schwarzen Kombi ab und rolle durch etwas unübersichtliche Gänge direkt ins Terminal.
Um diese Zeit ist der Koffer-Check-In noch gar nicht besetzt. Darum nutze ich die Gelegenheit, suche mir einen Sitzplatz auf dem Gang und packe meine Tupperdosen aus, um ein stärkendes Frühstück einzunehmen. Außer mir sind schon einige andere Pärchen und Familien da. Insgesamt ist der Flughafen Leipzig/Halle aber sehr übersichtlich und man kommt entspannt durch die Sicherheitskontrollen.


Ohne Verzögerungen fliegen wir überpünktlich ab. Meine neuen In-Ear-Kopfhörer bestehen ihre Bewährungsprobe mit Auszeichnung: Dank der „Noise Cancelling“-Funktion erlebe ich den ruhigsten Flug meines Lebens. Und auch einen der kürzesten: Nach gerade einmal 35 Minuten landen wir bei Sonnenschein am Frankfurt Airport. Dort beginnt das große Gewusel – für mich etwas unerwartet, war ich schließlich schon auf dem Hin- und Rückflug nach Neuseeland 2017/18 dort. Allerdings war das im Winter an einem Wochentag zur frühmorgendlichen Stunde. Mein Learning für heute: An einem Sonntagmittag in der sommerlichen Hochsaison ist in Frankfurt der Teufel los.
Über lange Korridore schiebe ich mich also vom Gate ASO über diverse Aufzüge und Treppen bis ans Ziel, Gate B24. In Ermangelung eines Wasserspenders (früher gab es hier irgendwo mal welche 🤔) fülle ich meine Plastikflasche auf der Toilette nach. Aus dem Hahn kommt nur brühwarmes Wasser, warum auch immer. Der Anschlussflieger nach Edinburgh hat Verspätung, landet schließlich und muss noch gründlich gereinigt werden. In der Zwischenzeit verschicke ich ein paar Statusmeldungen und Nachrichten an Freunde und Familie.

Mit etwa neunzig Minuten Verspätung erhebt sich endlich die Lufthansa A321 in die Lüfte. Proppenvoll und bis auf den letzten Platz ausgebucht. Der unspektakuläre Flug führt uns über Köln und Amsterdam, bis wir nach einer Stunde die Nordsee erreichen. Unter uns ziehen dichte Wolken auf. Die Landung in Edinburgh erfolgt gegen 13 Uhr Ortszeit nach einer langgezogenen Linkskurve mit Blick auf die berühmte rote Eisenbahnbrücke Forth Bridge.

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Als Treffpunkt hat der Reiseveranstalter uns das Café Costa genannt. Bis zur Abfahrt bleiben über zwei Stunden und unsere Reiseleiterin Natalie ist noch nicht da. Dafür erinnert mich mein Magen mit einem lauten Knurren daran, dass er seit den frühen Morgenstunden sträflich vernachlässigt wurde. So begebe ich mich ins Bridge & Castle und bestelle einen Cheeseburger mit Bacon, sowie eine kleine Tonic. Der Getränkepreis macht mich stutzig: Fast fünf Euro! Doch ich erinnere mich plötzlich an einen Artikel über eine britische Zuckersteuer, welche 2018 eingeführt wurde, um den Konsum von Softdrinks und Süßigkeiten zu reduzieren. Eine ziemlich sinnvolle Maßnahme für Zucker-Junkies wie mich 😁.
Wie heißt es so schön: „Nach dem Essen sollst du ruhen, oder tausend Schritt tun.“ Mangels Schlafmöglichkeit entferne ich mich einige hundert Meter vom Terminal und schaue in die beeindruckende Berglandschaft in der Ferne. Nach einer Weile kehre ich ins Café Costa zurück und trinke einen Cappuccino – als ich wieder in den Durchgangsbereich trete, hat sich die Reisegruppe bereits versammelt: Alle Altersgruppen von achtzehn bis Anfang siebzig sind vertreten, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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Unsere Abfahrt mit dem Hotelshuttle verzögert sich, weil wir noch auf Gäste aus Köln warten müssen, deren Flieger verspätet landet. Dafür erwartet uns wenig später eine Panoramafahrt über eine lange Autobahnbrücke. Die parallel verlaufende Forth Bridge – welche ich schon aus dem Flugzeug sehen konnte – ist über hundert Jahre alt und aus der Nähe betrachtet sehr beeindruckend. Wir lassen Edinburgh hinter uns und tauchen ein in eine sattgrüne Hügellandschaft, begleitet von braungrauen Steinhäusern mit idyllischem Flair. Irgendwann fallen meine Augen zu und ich dämmere weg…
Das „Fisher’s Hotel“ in Pitlochry empfängt uns mit einer großzügigen Lobby und edlem Vier-Sterne-Design. Wir beziehen zunächst unsere Zimmer: Um etwas Geld zu sparen, habe ich mich für die geteilte Doppelzimmer-Option entschieden. Mein Mitbewohner Benedikt, der einfach Bene genannt werden möchte, kommt aus Bayern und ist 32 Jahre alt – wir verstehen uns auf Anhieb gut 🙃.
Zum Abendessen gibt es ein 3-Gänge-Menü nach Wahl (je 3 individuelle Gerichte) im schicken Speisesaal. Dabei kommen wir erstmals gemeinsam ins Gespräch und stellen uns gegenseitig vor: Mit mir am Tisch sitzen Olivia (genannt Oli), Rita, Lennart und unsere Reiseleiterin Natalie.



Später gehen Oli, Bene und ich zum Public Viewing in den angrenzenden Garten – erinnert ihr euch noch, dass am 14. Juli 2024 das Fußball-EM-Finale war? Zuerst müssen wir uns mit Stehplätzen begnügen, denn es sind viele Einheimische und Touristen anwesend. Zur torlosen Halbzeitpause werden ein paar Stühle frei und wir nehmen Platz neben einem urigen Schotten und seinem Sohn. Dabei kommen wir fröhlich ins Plaudern: Der Sohn studiert Medizin in Dundee, seine Frau arbeitet als Filialleiterin in London und pendelt – und alle sind sich einig, dass Engländer und Schotten einander nicht mögen.
Wir beobachten im weiteren Verlauf des Abends ein interessantes Phänomen: Sehr viele Zuschauer jubeln, als Spanien in der 47. Minute seinen ersten Treffer gegen England erzielt – hat das womöglich mit der uralten Fehde zwischen den Schotten und ihren südlichen Nachbarn zu tun? 😉 Doch eine halbe Stunde später gibt es mindestens ebenso lauten Applaus, als Cole Palmer den Ausgleichstreffer erzielt. Unsere beiden neuen Freunde klären uns auf: Die schottischen Fans haben beim spanischen Tor geklatscht und die englischen Touristen bei Englands Tor 🙈… Schließlich gewinnt Spanien in der Nachspielzeit mit 2:1 und die betrübten „Three-Lions“-Fans ziehen von dannen, während die Einheimischen ausgiebig feiern. Der Ur-Schotte und sein Sohn zeigen sich spendabel und geben Oli, Bene und mir jeweils ein Getränk aus – wahre Gastfreundschaft! Anschließend verabschieden wir uns und gehen sehr müde schlafen.
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Montag, 15.07.24
Pünktlich um acht Uhr beginnt das gemeinsame Frühstück: Typisches „British Breakfast“ mit Würsten, Speck, Rührei, einer komischen schwarzen Masse namens Black Pudding sowie gebackene Bohnen in Tomatensauce. Zum Glück gibt es auch eine international bekömmliche kulinarische Auswahl an Müsli, Toast, Wurst und Käse, plus ein paar Obst- und Gemüsesorten 😌.



Vor der heutigen, kurzen Tageswanderung bleibt noch etwas Freizeit, um die nähere Umgebung zu erkunden. Ich spaziere in wenigen Minuten zur Pitlochry Station, deren Wartehalle besonders sauber und mit hübscher Wandmalerei (links) verziert ist – nicht zu vergleichen mit deutschen Bahnhöfen. Danach geht es durch die schmalen Gassen in einen Souvenirladen, wo ich zwei Kalender mit schottischen Landschaftsbildern und zwei Kühlschrankmagneten für meine Verwandtschaft kaufe.


Gegen halb elf versammelt sich die Wandergruppe. Wir marschieren entlang der Hauptstraße und durch einen kleinen Wald zu einem beschaulichen Wasserfall, der sich gut als Urlaubsfoto-Hintergrund eignet. Anschließend geht es weiter zur Blair Athol Whisky-Destillerie – zu jeder Schottland-Reise gehört obligatorisch eine Whisky-Verkostung 🥃. Zunächst gibt es eine Führung durch die Brennerei. Es ist sehr warm im Inneren, während unsere Führerin den aufwendigen Prozess des Mahlens von Gerste, sowie das „Aufkochen“ in Wasser erklärt, um den Zucker zu gewinnen. Schließlich dürfen wir das edle Gebräu selbst probieren. Wir bekommen nacheinander drei Whiskys serviert: Einen zwölf Jahre alten Single Malt, einen anonymen Whisky (angeblich, damit die Konkurrenz das Rezept nicht klaut) und zum Schluss einen „Breakfast Whisky“, der ziemlich eklig geschmeckt hat…



Nachmittags haben wir Freizeit, bevor noch eine gemeinsame Wanderung auf dem Plan steht: Dieses mal erklimmen wir einen Staudamm, neben dem eine 17 Meter hohe Lachstreppe gebaut wurde, um den Fischen zu helfen, ihre Laichplätze besser zu erreichen. Die typisch schottische Wolkendecke hat sich mittlerweile verzogen und es wird richtig warm im strahlenden Sonnenschein – Zeit für meine Sonnencreme!
Ich merke, dass ich lange nicht mehr wandern war, denn trotz der kurzen Strecken heute bin ich ziemlich k. o., als wir zurück im Hotel sind. Sobald ich auf meinem Bett liege, fängt es draußen an in Strömen zu regnen. Gutes Timing 😅


Direkt gegenüber des Fisher’s Hotel befindet sich ein edles Restaurant, genannt „Old Mill Inn“ (früher befand sich hier eine Getreidemühle, deren Wasserrad noch heute intakt ist). Zum Abendessen gönne ich mir die Tagessuppe mit Kürbis, einen „Belly of Pork“ (Pulled Pork mit Kartoffelbrei und leckerer Soße) und zum Nachtisch einen Nuss-Brownie mit Vanilleeis 😋
Gegen 19:15 Uhr erwartet uns ein besonderes Highlight: Eine schottische Dudelsackparade zieht durch die Straßen bis zur Town Hall, dem alten Rathaus von Pitlochry. Es wurde zu einem kleinen Theater umgebaut, in welchem die Dudelsack-Kapelle ein Konzert veranstaltet. Ein paar Mitreisende aus meiner Highländer-Gruppe und ich kaufen Eintrittskarten und erleben ein ungewöhnliches Pfeifen-Orchester mit ziemlich schrillen Klängen. Später gibt es auch musikalische Beiträge auf dem Akkordeon, begleitet von hübschen Tänzerinnen, sowie ein Sammelsurium an schottischen Volksliedern. Dem Publikum gefällt’s, es wird eifrig mitgesungen.
Klein ist die Welt übrigens: Am Ende des Konzertes wurde eine Flasche Whisky unter den Anwesenden verlost. Der Ansager verkündete dabei die internationale Bandbreite der letzten Gewinner:innen – unter anderem eine Familie aus Dresden, meiner Heimat („that’s a city in the east of Germany“), welche erst in der vergangenen Woche den schmackhaften Alkohol gewann 🤣 Im Nachhinein frage ich mich, ob ich die Gewinner wohl kenne, die kurz vor mir im Schottland-Urlaub waren. Wer weiß…

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Den Abend lassen wir schließlich ausklingen im Biergarten des Old Mill. Falls es dich einmal dorthin verschlägt, solltest du unbedingt das hauseigene „Old Mill Pilsner“ kosten 😊.
Dienstag, 16.07.24
Bereits um 6:30 Uhr erwache ich und döse friedlich vor mich hin, bis es Zeit wird fürs gemeinsame Frühstück. Währenddessen regnet es sich allmählich ein, sodass ich beim Ankleiden für die bevorstehende Wanderung nach dem Zwiebelprinzip verfahre: Sportshirt, Pulli und Regenjacke. Mangels Regenhose wähle ich eine bequeme Jeans zu meinen neuen Wanderschuhen, welche sich etwas zu groß anfühlen und noch eingelaufen werden müssen.

Kurz nach neun starten wir unsere Tour bei konstantem, aber eher leichtem Regen. Oli und Bene haben beschlossen, ihre eigene Wanderung zu machen und die Strecke auszudehnen. Während die Wolken tief in den Bergen hängen, bemerke ich leichte Kopfschmerzen vom deftigen Frühstück vorhin.
Wir machen einen kurzen Stopp hinter einem kleinen Wasserfall an einer Art steinernem Balkon. Dabei handelt es sich um einen Regenwasserschutz für die unten verlaufende Straße. Unsere Reiseleiterin Natalie erzählt von einer Schlacht, bei der die schottischen Clanmitglieder sich auf diesen Anhöhen verschanzt hatten und die englische Armee nach zehn Minuten vernichtet wurde. Habe ich schon erwähnt, dass die Schotten weniger gut auf die Engländer zu sprechen sind? Das hat durchaus historische Gründe… 😈
Gegen elf erreichen wir ein Café und legen eine Mittagspause ein. Ich esse zwei frisch zubereitete Sandwiches mit Cheddar, Tomaten und Salat, außerdem gönne ich mir einen Latte Macchiato 😋.


Anschließend machen wir einen Abstecher zum „Soldier’s Leap“ bei Killiekrankie, einer Art schottischer Variante der berühmten Rosstrappe aus dem Harz. Hier soll der Legende nach ein englischer Kämpfer mehr als fünfeinhalb Meter weit über den River Garry gesprungen sein – und seine Heldentat überlebt haben, im Vergleich zum sachsen-anhaltinischen Pendant.

Weiter geht’s entlang des Flusses. Mittlerweile wird es wärmer und die Sonne zeigt sich, sodass ich mein Mückenspray benutze und den Sonnenhut griffbereit halte. Unser Weg führt nun zu einem großen Stausee und ich komme ins Plaudern mit den anderen Mitreisenden: Abwechselnd quatsche ich mit Susanne aus Österreich über unsere Neuseeland-Erfahrungen, mit Thalea aus Hamburg über Chöre, mit Vicky über künstliche Intelligenz und unsere IT-Jobs… Alles sehr spannend!



Irgendwann erreichen wir das andere Ende des Stausees, wo sich eine Stelle für Bungee-Jumping befindet, gefolgt von einem Aussichtspunkt mit vielen kleinen, hübschen Steinen am Ufer. Kurz darauf treffen wir eine Entenfamilie (leider ohne Küken) und schlendern entlang hübscher Gärten und Häuser zurück bis zum Hotel.


Als wäre ich auf dem Mount Everest gewesen, lasse ich mich in die Federn fallen und schlafe bis 17:15 Uhr, als mich ein leichtes Kratzen im Hals weckt – na toll 🙄… Um keine unnötige Erkältung zu riskieren, flitze ich zur Hauptstraße und kaufe schnell eine einfache Regenhose für £15 (hier schließen fast alle Läden bereits um 17:30 Uhr 😱).
Nach dem Abendessen unternehme ich auf eigene Faust einen Verdauungsspaziergang zum Pitlochry Festival Theatre. Dabei komme ich vorbei an einem Denkmal für Gefallene im Ersten Weltkrieg, einem kleinen Park und mehreren Restaurants, bis der Weg über eine schmale Hängebrücke und entlang mehrerer hübscher Häuser führt. Im Theater läuft gerade eine Veranstaltung, darum schaue ich mich im Foyer um, wo man diversen Merch kaufen kann. Ich entscheide mich für einen Becher aus recyceltem Ozean-Plastik und studiere die Zeittafel des Theatres: Sie ist fast 100 Jahre alt und berichtet von der geschichtsträchtigen Entwicklung dieses Ortes. Beim Blick in den aktuellen Spielplan stelle ich erfreut fest, dass eine Beatles-Coverband in wenigen Tagen live auftritt – das wäre doch ein Highlight im Großbritannien-Urlaub! 🙂
Mittwoch, 17.07.24
Mit einem flauem Gefühl im Magen erwache ich und beschließe, beim Frühstück auf Speck und Würstchen zu verzichten. Stattdessen gibt’s zwei Scheiben Toast – hoffentlich genug Kalorien für die anspruchsvollste Wanderung des Urlaubs: Eine Besteigung des 841 Meter hohen Ben Vrackie.

Der Aufstieg zum Ben Vrackie ist gut ausgeschildert. Vom Parkplatz aus geht’s durch ein Stück Wald, vorbei an schulterhohen Farnen und sattgrünen Laubbäumen. Zwischendurch ergänzen kleine Wasserläufe und Holzbrücken das idyllische Flair.
Pünktlich um 09:30 Uhr starten wir vom Hotel aus und laufen erstmal 30 Minuten entlang der Straße, vorbei am Supermarkt Co-Op und der Town Hall. Mit dem Wetter haben wir Glück: Es ist leicht bewölkt und die Sonne scheint warm.

Plötzlich stehen wir an einem Plateau und entscheiden gemeinsam, eine kurze Trinkpause einzulegen (bis auf Oli und Bene, die uns schon weit voraus sind 😜). Anschließend wandern wir weiter zwischen Heidekraut und Moosen entlang, den Gipfel bereits im Blick. Ich stecke meine In-Ears in die Ohren und probiere die „Hear-Through-Funktion“ aus. Ziemlich witziger Effekt: Die Schafe blöken fröhlich vor sich hin, begleitet von den Harmonien von „Country Roads“ 😊. Auf halber Strecke (bei ca. 500 Höhenmetern) wird es Zeit für die Mittagspause. Wir rasten am See „Loch a’Choire“ und ich futtere mein Sandwich mit Tomate, Käse und Basilikum.




Der letzte Anstieg erfolgt auf festen Steinstufen, ist aber sehr steil und ohne Möglichkeit innezuhalten. Allmählich mehren sich die Touristen, etliche sind sogar mit ihren Kindern und Hunden unterwegs. Kurz vor dem Gipfel zeigt meine Uhr einen 180’er Puls an. Ziemlich erschöpft frage ich eine herabsteigenden Frau, die ihr Kind auf dem Rücken trägt, wie weit es noch bis oben sei. Ihre Antwort ermutigt mich: Nur noch wenige Meter, dann ist es geschafft!

Der Kraftakt hat sich gelohnt: Hoch oben auf dem Gipfel ist es sonnig mit Wolken und es weht ein kräftiger Wind. In alle Himmelsrichtungen bietet sich eine herrliche Aussicht – über Pitlochry und Umgebung, zum River Tummel und Loch Tummel sowie über die Bergspitzen und Wälder des Cairngorms National Park. Während die Wandergruppe etwas verweilt und Gummitiere verteilt werden, schießen wir gleich ein paar Selfies und machen Gruppenfotos, die wir später per WhatsApp-Gruppe miteinander teilen.

Anschließend machen wir uns auf den Rückweg, welcher sich erfreulich leicht gestaltet, sodass wir schneller als erwartet vorankommen. Zurück am Loch a’Choire teilt sich die Gruppe auf: Einige laufen direkt zurück, die anderen folgen Natalies Angebot und schlagen einen Umweg ein. So geht es für mich weiter am See entlang über Morast, begleitet von lästigen kleinen Insekten, die mich und meine Weggefährten zum Einsatz von Moskito-Spray zwingen. Unterwegs erzählt unsere Reiseleiterin ein paar interessante Fakten zur schottischen Kultur. So gibt es etwa in der Schule eine Art Naturkunde-Unterricht, in dem die Kinder lernen selbst zu wandern und die Regeln des Naturschutzes zu verstehen.




Irgendwann bilden sich kleine Grüppchen, jeder läuft in seinem eigenen Tempo zurück zum Hotel. Direkt nach der Ankunft um 15:30 Uhr dusche ich und ziehe mich um, einfach fürs gute Gefühl 😄. Danach schlendere ich ins Cafe Calluna, an dem ich bereits mehrmals vorbei gelaufen bin. Oh – mein – Gott, was für ein schönes Flair! An den Wänden hängen Fotos berühmter ehemaliger Gäste, wie etwa John Lennon, Sir Alan Rickman und Freddy Mercury. Noch besser ist aber der Schokokuchen, bei dessen Zuckergehalt mein Zahnarzt wahrscheinlich einen Kollaps bekommen würde 🤣…




Um wenigstens ein paar Kalorien abzulaufen, durchstöbere ich nach dem Kaffeetrinken mehrere Touristenläden nach Souvenirs. Ich kaufe ein paar typisch schottische Kekse mit dunkler Schokolade und ein T-Shirt als Erinnerung an den Urlaub (Aufschrift: Oot & Aboot).
Und weil der Gaumen nie genug Kulinarik bekommen kann, gibt’s zum Abendessen im Fisher’s Hotel genial leckere Haggis-Bällchen als Vorspeise, ein Abgus-Steal-Gulasch mit Blätterteig überbacken und zum Nachtisch einen Apfelstrudel mit Vanillesauce 🤩😍🥰 ! Satt und zufrieden gehe ich mit ein paar Mitreisenden hinterher ins Foyer des Hotels und lausche einem traditionell gekleideten schottischen Gitarristen. Auf meine Nachfrage nach seiner Tracht lerne ich, dass der Schottenrock kein „Skirt“ ist, sondern ein „Kilt“ und dieser durch einen „Sporran“ genannten Geldbeutel aus Tierpelz geziert wird.

Donnerstag, 18.07.24
Heute verbringen wir einen individuellen Tag an einem Ort unserer Wahl. Bereits am Vorabend haben wir als Reisegruppe gemeinsam unsere Pläne besprochen: Ein paar Leute fahren nach Glasgow – in die bevölkerungsreichste Stadt Schottlands mit kreativ-coolen, aber auch chaotischen Vibes. Wer naturverbunden oder architekturverliebt ist, entscheidet sich für einen Abstecher nach Aberdeen an der Nordsee. Ein Ausflug zum Loch Ness mit dem berühmten Ungeheuer Nessie stößt hingegen bei allen auf Ablehnung, da der See weit abgelegen ist und man außer einer alten Schlossruine (dem Urquhart Castle) nicht wirklich etwas erleben würde.
Aber Moment, fehlt da nicht noch eine Option? Richtig, die Hauptstadt Edinburgh mit ihrer beeindruckenden Historie und wunderschönen Innenstadt! Eigentlich hatte ich überlegt, erst am Abreisetag dort vorbei zu schauen. Doch aus Sorge um eventuellen Zeitdruck entscheide ich kurzerhand, den Besuch vorzuziehen. So steige ich um 09:29 Uhr in den LNER-Zug, welcher vergleichbar komfortabel wie eine Mischung aus Regionalexpress und ICE ist.

Kleine Anekdote zum schottischen Akzent
Hinter mir sitzt eine junge Frau und telefoniert mit ihrer Freundin. Sie erzählt, dass sie sich neulich sehr gewundert hätte über eine Schottin, welche zu ihr meinte: „I really like the sexy fern!“ (auf Deutsch frei übersetzt: „Ich finde Farne wirklich sexy“). Anschließend erklärt die Dame, sie hätte nochmal genau hingehört und dann verstanden, dass die Schottin in Wahrheit sagte: „I really like the saxophone!“ (auf Deutsch etwa: „Ich mag Saxophonmusik echt gerne“). 🤣
🌿 🎷
Die Endstation Edinburgh Waverley ist sozusagen der Hauptbahnhof, an dem es nur so wimmelt von Reisenden. Ich gehe an einer Seitentreppe hoch zur Straße und mir dringt ein komischer Geruch in die Nase – vielleicht ein deftiges Haggis-Restaurant? Wie auch immer. Etwa hundert Meter weiter entdecke ich einen Dudelsack-Spieler am Wegesrand, natürlich in traditioneller Schottentracht. Gegenüber befindet sich eine alte kleine Kirche (Tron Kirk), die zu einer Verkaufshalle von Kunsthandwerk und Bildern umgestaltet wurde.
Mein erstes Besuchsziel gehört nicht zu den Standard-Attraktionen von Edinburgh, aber der Eintritt ist kostenfrei und man wird nicht von Touristenströmen umgerannt: Es handelt sich um das Musikinstrument-Museum in der St Cecilia’s Hall (man muss durch eine sehr schmutzige, heruntergekommene Seitenstraße laufen, um dorthin zu gelangen). Es lohnt sich insbesondere für Musikliebhaber oder Fans von historischen Cembali und Pianos – die älteste ausgestellten Exponate stammen aus der Zeit um 1580. Damals war ein Tasteninstrument nicht einfach Mittel zum Zweck des Musizierens, sondern auch ein kunstvolles Möbelstück mit bunten Verzierungen und Malereien auf allen Oberflächen.





Während ich als einziger Besucher durch die Räume schreite, entsteht bei mir der Eindruck, dass die Reichen der Renaissance gar nicht genug Pomp haben konnten. Immer größere Klaviere mit doppelten bzw. dreifachen Manualen glänzen in edlen Materialien wie Elfenbein und Mahagoni; daneben gesellen sich Mini-Orgeln und Spinette, welche gern auf Reisen mitgenommen wurden oder in kleinere Kammern passten. Im Erdgeschoss entdecke ich noch weitere historische Musikinstrumente, die teils im Privatbesitz eines ehemaligen Musikhochschulleiters sind. Am interessantesten finde ich eine komisch geformte Bassflöte namens Serpent mit mehreren Schnörkeln im Rohr 🪈🐍.






Inzwischen ist es Mittag geworden und ich laufe durch dichte Touristenmassen bis zum Busbahnhof, wo ich auf Christiane und Talea aus meiner Reisegruppe treffe. Gemeinsam steigen wir auf den Calton Hill, wo uns eine grandiose Aussicht über ganz Edinburgh bis zur Nordseeküste mit ihren imposanten Brücken geboten wird. Direkt unter uns befinden sich das altehrwürdige Edinburgh Castle und das Holyrood House – die offizielle Residenz des britischen Monarchen in Schottland. Wir umrunden das Observatorium von außen, dann geht’s weiter zum Playfair Monument und anschließend zum „National Monument of Scotland“ (auch das „Athen von Schottland“ genannt wegen seiner Säulenform).

Beim Abstieg laufen wir an einem coolen Gitarristen vorbei, der unter dem Namen Inkfields Fans für seinen Instagram-Account wirbt. Kurz darauf erreichen wir die Royal Mile und kämpfen uns Stück für Stück vorwärts in Richtung Edinburgh Castle, dem absoluten Touristenmagnet.


Unterwegs besorgt Talea sich in der Apotheke eine Medizin (sie ist leider etwas erkältet) und ich überbrücke die Wartezeit mit einer Snackpause (Cranberries mit Mandeln 💪). Die schmalen Gassen werden von bunten Fähnchen geschmückt, welche zwischen den Häusern gespannt sind.

Im Vorbeigehen werfen wir der Kathedrale St Giles einen raschen Blick zu. Zugegeben, ich finde das Bauwerk nicht besonders spektakulär und habe auch keine Lust reinzugehen. Also nichts wie weiter zum Castle 🏰! Am Rande der breiten Zufahrt befinden sich blaue Plastiksitze, die für eine bevorstehende Militärparade aufgebaut wurden – was das historische Flair leider ziemlich stört. Schnell merken wir jedoch, dass kein Eintritt ins Schloss bzw. den Schlosspark ohne vorab reservierte Karte möglich ist (wie uns mehrere riesige Schilder nachdrücklich mitteilen 🙄)…
Wir lassen uns die Laune nicht verderben, sondern setzen unsere Sightseeing-Tour fort. Neben dem Sitz des Monarchen gibt’s nämlich noch weitere beliebte Hot Spots, die einem weltberühmten Zauberer aus Großbritannien zu verdanken sind 🧙♂️. Zuerst kommen wir vorbei am ehemaligen Elephant House, wo J. K. Rowling die berühmten ersten Sätze von Harry Potter schrieb. Leider ist das Originalgebäude 2021 bei einem Feuer völlig abgebrannt und wurde später an einem anderen Standort neu eröffnet. Wenige Meter weiter befindet sich der (einzige?) originale Harry-Potter-Fanshop, mit langer Fan-Schlange und Security-Bewachung.



Es geht weiter zum Greyfriars Kirkyard Cemetery, einem historischen Friedhof mehr oder minder berühmter Persönlichkeiten. Während wir zu dritt an pompösen Gräbern des 19. Jahrhunderts entlang schreiten, erkennen wir auf mehreren Grabsteinen die namentlichen Inspirationen von J. K. Rowling für ihre Romanfiguren Voldemort (basierend auf Thomas Riddell) sowie Harry Potter (wahrscheinliche Vorlage: ein gewisser Robert Potter und seine Frau Anna).





Danach trennen sich unsere Wege: Talea und Christiane gehen in Richtung Holyrood House, aber ich brauche langsam was Warmes im Magen. Mithilfe von Google Maps entdecke ich das Thomas J Walls Café und bestelle eine seltsam aussehende, aber super-leckere Brotspeise mit pochiertem Ei und Speck, genannt „Sriracha Benny“. Frisch gestärkt und mit neuer Energie schaue ich kurz im Nationalmuseum vorbei, wo historische Dampfloks, Rennautos und Flugzeuge ausgestellt sind. Leider schließt das Gebäude schon um 17 Uhr, dabei hätte ich mir gern noch viele andere Exponate angeschaut 😔…

Bleibt noch Zeit für eine weitere Attraktion, bevor ich den Überlandbus zurück ins Hotel nehmen muss. So entscheide ich mich für eine Kunstausstellung, die auf dem Gelände des Uni-Campus angesiedelt ist – und ebenfalls schon geschlossen hat, wie ich bei meinem Eintreffen feststelle. Stattdessen fällt mir im Innenhof eine Gedenkstätte für die palästinensischen Opfer des Gaza-Krieges auf. Ein heikles Thema, bei dem nicht nur tröstende Worte und Friedensappelle zu lesen sind, sondern auch kämpferische Parolen, wie an vielen Universitäten weltweit in letzter Zeit.
Übrigens, Vorsicht Abzocke: Auf meinem recht langen Rückweg zu Fuß finde ich einen inoffiziellen Harry-Potter-Fanshop, der mit stolzen Preisen aufwartet. Minutenlang inspiziere ich die Regale, um nach einem Mitbringsel für die 11-jährige Tochter meiner Verwandten Ausschau zu halten. Doch die Qualität der überteuerten Produkte ist wirklich miserabel – meistens handelt es sich um lächerliche Deko, bei der optisch kaum etwas an die magische Atmosphäre von Hogwarts erinnert. Mein Fazit: Finger weg!
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mich jetzt sputen muss. Über einen Kilometer sause ich schnellen Schrittes durch die Innenstadt, um rechtzeitig beim Busbahnhof zu sein – geschafft 😅.
Ein Hoch auf die britische Pünktlichkeit: Auf die Minute genau um 20:12 Uhr steige ich in Pitlochry aus und wähle zum Abendessen das McKays Restaurant, mit Live-DJ und Golf-Übertragung im Fernsehen (ein merkwürdiger Sport zum Zuschauen 😆). Es gibt einen richtig geilen Haggisburger und anschließend ein schottisches Kneipenquiz, bei dem ich aus Spaß im Stillen etwas mitrate (und erwartungsgemäß völlig daneben liege).


Zum Abschluss des Tages trinke ich in der Hotellobby noch eine Piña Colada und blättere dabei in einem Fotobuch mit schottischen Motiven, welches in der kleinen Gästebibliothek herum liegt. Während ich die Bilder von funkelnden Winterlandschaften und nebligen Wiesen betrachte, bin ich insgeheim froh, nur im Sommer zu Besuch zu sein und nicht in der kalten, dunklen Jahreszeit.
Freitag, 19.07.24

Nach einem herzhaften Frühstück eile ich schnell zum Bäcker rüber und hole mir ein Sandwich für den späteren kleinen Hunger. Um 9 Uhr werden wir vom Bus abgeholt und fahren knapp 15 Minuten bis in den kleinen Ort Blair Atholl. Wer sich noch an meinen Bericht vom Montag erinnert, wird wahrscheinlich denken: Dort befindet sich diese Whisky-Destillerie. Aber weit gefehlt! In Wahrheit bekam die Blair Athol Distillery ihren Namen nur aus Marketing-Gründen, weil „Blair Athol“ einfach edler und traditionsreicher klingt als „Pitlochry“ 😊.
Unsere heutige Halbtageswanderung beginnt an einem Parkplatz, dessen öffentliche Toilette nicht besonders schön ist. Besser wird es, sobald wir den Wald betreten und entlang des River Tilt wandern, wo sich eine wunderschöne Aussicht ins Mittelgebirge mit Wiesen und kleinen Wäldern bietet.




An einem Schießplatz biegen wir ab und laufen weiter bis zu einer Steinruine. Dort lebten früher einfache Leute, bis sie von den Engländern vertrieben und umgesiedelt wurden – so berichtet es unsere Reiseleiterin Natalie. Immer diese wilden Engländer 🙄 Während wir bei den Überresten der alten Häuser unsere Mittagspause machen, blöken ein paar Schafe zufrieden im Hintergrund.




Der Rückweg führt über mehrere Brücken und an kleinen Wasserfällen entlang bis zum Blair Castle. Dieses Schloss wurde im Jahre 1936 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, nachdem Duke John Murray, der 7. Duke of Atholl, das Anwesen dem „Scottish National Trust for Scotland“ anvertraut hatte (heute Atholl Estates Trustees). Seitdem kann jedermann das Schloss besichtigen – nach und nach kamen mehr Räume dazu, Ausstellungen wurden erweitert, und das Ganze hat sich zu einem richtig großen Besucherziel entwickelt.

Unsere Gruppe teilt sich nun auf: Nicht alle sind bereit, den Eintritt auf die Ländereien in Höhe von £10 zu berappen – oder inklusive Schlossbesichtigung für £18,50. Ich aber schon. Draußen vor dem Schlosstor werden wir von einem Dudelsack-Spieler begrüßt, der uns mit hoheitlicher Anmut empfängt.
Wir spazieren zunächst durch die Gemächer und erfahren vieles über die adligen „Dukes“ seit dem 18. Jahrhundert. Eines verbindet sie durchweg: Fast alle hießen John 😅.



Eine feministische Vorreiterin
Interessant, was auf einer Schautafel zu lesen ist: Eine junge, klein gewachsene Frau, genannt „Kitty“, war schon seit ihrer Kindheit sehr musikalisch begabt und ging später zur Musikakademie. Sie konnte dem männerdominierten Hofleben nichts abgewinnen und setzte sich Zeit ihres Lebens durch, um ihrer Muse zu folgen und ihre akademischen Ziele zu verwirklichen, statt sich verheiraten zu lassen und allein zuhause die Kinder zu hüten.
Als Musikliebhaber und modern denkender Mensch empfinde ich große Sympathie für Kitty, auch wenn ich sie nie kennen gelernt habe. 🎶 👩🎓




Das historische Ambiente und die vielen Details an Möbeln und Malereien faszinieren mich. So sehr, dass ich kaum merke, wie die Zeit knapp wird – jetzt heißt es, die Ländereien im Laufschritt zu erkunden. Ich mache kurz Halt bei einer alten Steinruine, die wohl einst eine Kirche war. Angrenzend ist noch ein historischer Friedhof erhalten.





Nach der Rückfahrt mit dem Bus kehre ich bei Hettie’s Tearoom ein. Man serviert mir den leckerster Schokokuchen aller Zeiten und eine heiße Schokolade mit weißer geschmolzener Schokolade am Grund des Glases, dazu Sahne mit weißer Schoki 🤩🤩! Und wenn wir schon vom Essen und Trinken reden, schließe ich gleich meinen Bericht des frühen Abendessens im Fisher’s Hotel an, wo eine Tagessuppe und Entenkeule auf der Speisekarte stehen. Zu viel – ich bin voll, zu voll 🥵…


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In der zweiten Hälfte präsentieren sich die vier Retro-Beatles in hübschen Kostümen, passend zum Albumcover von St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Es werden die großen Hits „Yellow Submarine“, „Hey Jude“, „Help“ und „Penny Lane“ gespielt, nebst absoluten Klassikern wie „She Loves You“. Meine persönlichen Solo-Highlights sind „Here comes the Sun“ von George Harrison sowie „It’s only love“, von John Lennon auf seiner 12-Saiten-Gitarre gespielt (der echte John hatte dieses Lied später gehasst – ich find es super).
Aber der Tag ist noch nicht vorbei! Gemeinsam mit Anita und Judith laufe ich zu Fuß zum Pitlochry Festival Theatre, um „The Magic of the Beatles“ anzuschauen. Vier sehr authentische Musiker – verkleidet als John, Paul, George und Ringo – führen uns im Stil eines Beatles-Konzerts durch die 60er-Jahre. Der Altersschnitt im Publikum liegt optimistisch geschätzt bei Ü50, sodass ich witzigerweise fast der einzige bin, der zu den populären Songs seinen Körper in Schwung bringt 😆. Links neben mit sitzt ein nettes schottisches Ehepaar: Wir plaudern in der Pause über dies und das, wobei ich gekonnt überspiele, dass ich nicht jedes ihrer Worte in breitem, nordbritischem Akzent richtig verstehe. Als ich schließlich aufstehe, um etwas zu trinken zu holen, staune ich nicht schlecht: Ein Weißwein kostet £10 –für einen Viertelliter aus dem Plastebecher 😲🤯!
Samstag, 20.07.24
Letzter Wandertag, bevor es zurück nach Deutschland geht! Im Anschluss ans Frühstück starten wir gemeinsam vom Hotel aus und überqueren die Iron Suspension Bridge, welche beim Gehen leicht hin und her wackelt. Kurz darauf betreten wir den dichten Wald und wandern auf relativ flacher Strecke in Richtung Grandtully. Anfangs ist der Weg übersichtlich und gut ausgebaut, aber die relativ steilen Anstiege sorgen dafür, dass die „Schnellen“ öfters anhalten und warten müssen.



Unser erster Halt erfolgt an einem kleinen Steinkreis. Dieser ist der Legende nach schon viele Jahrhunderte alt und niemand weiß so recht, warum diese drei bis vier verwitterten Steine eigentlich in der Landschaft stehen 🤷… Wir machen eine kurze Mittagspause dort und schießen ein paar Selfies. Außerdem entdeckt plötzlich jemand eine kleine Holzfigur, die wohl irgendwann mal geschnitzt und dort ausgesetzt worden ist.

Die weitere Strecke verläuft auf einem immer schmaler werdenden Weg zwischen hohem Gras. Der Untergrund wird zunehmend unwegsam und zu beiden Seiten wachsen dichte Farne und Baumäste (keine „sexy ferns“ 😉), sodass wir ordentlich viel Anti-Zeckenspray auftragen. Gegen Mittag sind wir wieder zurück in Grandtully und ich kaufe beim Iain Burnett Highland Chocolatier eine Tafel dunkle Schokolade mit Whisky Flavour für fast neun Pfund (hoffentlich schmeckt die wirklich so großartig wie versprochen).


Die anschließende Busfahrt dauert zwar nur eine Viertelstunde, aber vor lauter Ruckelei und engen Kurven bekomme ich Kopfschmerzen und einen flauen Magen… Schließlich müssen wir noch umsteigen und stehen fast dreißig Minuten wartend irgendwo im Nirgendwo am Rande der Autobahn. Als wir endlich gegen 14 Uhr wieder im Hotel sind, dusche ich und gönne mir ein Nachmittagsschläfchen (ich bin doch erschöpfter, als ich gedacht hätte).



Zum letzten gemeinsamen Abendessen gibt es Haggis, Hühnerkeule und Käsekuchen 😋. Das Wetter draußen zeigt sich noch einmal von seiner typisch britischen Seite, denn es beginnt sich kräftig einzuregnen. Nach dem Essen packe ich meinen Koffer, welcher etwas voller ist als auf dem Hinflug (wohl wegen der Souvenirs und dreckigen Klamotten). Dann streife ich meine Regenjacke über und flitze nochmal ins McKays, um zwei letzte Urlaubs-Drinks mit der Reisegruppe zu genießen (Mojito und Lagerbier), während im Hintergrund jemand live auf der Gitarre spielt und mit kräftiger Stimme bekannte Popsongs singt.
Sonntag, 21.07.24
Direkt nach dem Aufwachen erfahre ich von Lufthansa, dass mein Anschlussflug von Frankfurt nach Leipzig annulliert wurde 😡. Auch die Reiseleiterin Natalie ist bereits informiert und fragt mich, ob sie mir einen Ersatzflug besorgen soll oder ich stattdessen einen Zug buchen möchte. Praktisch, dass ich die Reise über Highländer gebucht habe und jetzt nicht selbst recherchieren muss 🙃. So komme ich mit Susi ins Gespräch, die in Jena wohnt und mir anbietet, mich mit ihrem Auto mitzunehmen (da wir beide bis Frankfurt fliegen). Die restliche Strecke nach Leipzig/Halle Flughafen, wo mein Škoda noch in der Hochgarage parkt, möchte ich dann am Montag per ICE zurücklegen. Die Umbuchung erfolgt erfreulich unkompliziert – fünf von fünf Sterne für Natalie und Highländer Reisen!

Vor dem Aufbruch in die Heimat haben wir ein Abschiedsgeschenk für unsere Reiseleiterin vorbereitet. Nach der feierlichen Überreichung verabschieden wir uns von den ersten Gästen, die mit dem „Megabus“ nach Edinburgh fahren. Ich räume meine letzten Utensilien im Bad zusammen und stelle fest, dass bis zum Check-Out noch eine Stunde Zeit bleibt. Der gestrige Regen hat aufgehört, sodass ich Lust auf einen Abschiedsspaziergang bekomme. Meine Füße tragen mich ein Stück nach Nordwesten zu einem kleinen Teich namens „The Cuilc“. Ich setze mich auf eine Bank und lasse den Moment auf mich wirken: Perfekte Stille, nur unterbrochen vom Schnattern der Enten und gelegentlichem Wiehern der Pferde auf der gegenüberliegenden Koppel. Hier bietet sich ein grandioser Ausblick auf den Ben Vrackie, den wir kürzlich bestiegen haben und dessen Spitze heute wolkenverhangen ist.



Pünktlich um 11:30 Uhr geht’s mit dem Bus zum Flughafen Edinburgh. Vor Ort ist es ziemlich voll und wir lassen uns erstmal im Bridge & Castle nieder – wo ich bereits auf der Anreise einen Burger gegessen hatte. Um 15:30 Uhr dürfen wir unser Gepäck aufgeben (ich passe auf, dass es extra nur bis Frankfurt eingecheckt wird – Lufthansa hat mir die Stornierung des Anschlussfluges noch nicht bestätigt). Hinter der Sicherheitskontrolle setzen wir uns in ein Café und schauen den startenden Fliegern durch die großen Fensterscheiben zu 🛫.
Unser eigener Flieger hat leider Verspätung, sodass wir erst gegen halb sieben lokaler Zeit die A321 betreten können. Gerade im Mittelgang angekommen, fordert uns der Kapitän per Lautsprecheransage direkt auf, schnell unsere Sitzplätze einzunehmen, da die Flugsicherung nur bis 19 Uhr ein Zeitfenster freigegeben hätte und der Abflug sich sonst wesentlich verzögern würde 🙄… Trotz hektischem Gewusel staune ich nicht schlecht, als wir tatsächlich um 18:57 Uhr abheben und bei klarem Sonnenschein über die Nordsee düsen.
Als wir eine Stunde später über Westdeutschland fliegen, beginnt die Maschine zu ruckeln. Harmlose Turbolenzen. Früher hätten sie mich nicht gestört, aber ich merke, dass mein Körper empfindlicher auf kleinste Lageveränderungen reagiert als noch einige Jahre zuvor. Die Landung erfolgt schließlich kurz vor Sonnenuntergang in Frankfurt (Main). Dort herrscht auf dem Rollweg zum Gate viel Konkurrenz, wer als erstes die Maschine verlassen darf. Unsere drei österreichischen Mitreisenden haben große Mühe, ihren Anschlussflug nach Wien noch zu erreichen. Wie ich später per Chat erfahre, hat es nur eine rechtzeitig geschafft – die anderen beiden mussten bis zum frühen Morgen im Terminal ausharren 😢.

Nach dem Flug ist vor der Koffersuche: Frankfurt ist einfach sehr groß und bis ich mein Gepäckstück am richtigen Band finde, vergeht eine Menge Zeit. Mittlerweile knurrt mein Magen und ich hole fix bei McDonald’s einen Chicken Burger und Pizzataschen für unterwegs. Susi und ich müssen zunächst mit der S-Bahn (deren Gleiszugang nicht leicht zu finden ist) drei Stationen bis Frankfurt-Niederrad zum Parkplatz fahren. Als wir endlich ins Auto steigen, verkündet uns das Navi eine Fahrzeit von drei Stunden und fünfzehn Minuten. Ich bin todmüde, aber dank meiner sympathischen Fahrerin halte ich noch eine Weile durch und wir kommen angenehm ins Plaudern. Die Autofahrt durch Hessen und Thüringen verläuft unspektakulär bis nach Jena (zwischendurch nicke ich doch kurz weg).

Montag, 22.07.2024

Gewohnheitsmäßig werde ich früh wach, kann aber nochmal bis halb zehn weiter schlafen und dann frühstücken Susi und ich zusammen. Anschließend bringt sie mich zum Bahnhof und ich steige in den RE3 nach Erfurt. Aufgrund einer ICE-Verspätung (hey, zum Thema Deutsche Bahn hab ich hier noch was Nettes) gehe ich in den Stadtpark und lasse mich auf einer Bank nieder, von wo aus ich ins Grüne und auf einen Springbrunnen blicke.
Schließlich kommt der Zug und ich ergattere einen Sitzplatz am Fenster 💪. Die halbstündige Fahrt bis Leipzig Hbf führt unter anderem mit 230 km/h unter dem Leipzig/Halle-Airport-Bahnhof hindurch – leider ist dort aber kein Halt 😢. So muss ich nochmal mit dem IC Richtung Dortmund eine Station zurück fahren und nehme schließlich eine Stunde später im Parkhaus mein Auto in Empfang. Teuer ist der Spaß: 124€ Gebühren für sieben Tage…
Um kurz nach halb drei komme ich in Dresden an und mache erstmal einen Großeinkauf bei Kaufland (mein Magen knurrt und mit leerem Magen sollte man zwar nicht einkaufen gehen, aber nützt ja nix 😄). Zu Hause angekommen, wird schnell der Koffer ausgepackt und die Klamotten kommen in die Wäsche. Anschließend dusche ich und koche mir eine warme Mikrowellen-Mahlzeit 😊. Später am Nachmittag geht’s noch zu einer A-Cappella-Probe mit meinen Chorfreunden von VOCANO…

Fazit



Schottland für Einsteiger war die perfekte Wandertour, um die Natur aktiv zu erkunden und einen ausgewogenen Mix aus Hiking und Sightseeing zu erleben. Edinburgh ist auf jeden Fall einen weiteren Besuch wert (allein dort könnte man locker eine Woche verbringen) und Pitlochry ist sehr gemütlich und trotzdem modern. Die Schotten haben ein freundliches Gemüt und nach wenigen Tagen lernt man auch, den eigentümlichen Akzent zu verstehen – zumindest halbwegs 😄.
⭐⭐⭐⭐⭐
