Für meinen Herbsturlaub 2024 habe ich mir etwas Besonderes vorgenommen. Nicht das Reiseziel – da ich in den letzten Jahren immer mindestens einmal auf Usedom war, kenne ich mich ziemlich gut aus. Nein, dieses Mal habe ich beschlossen, während meiner gesamten Zeit an der Ostsee einen "Digital Detox" zu machen. Das bedeutet sinngemäß, die tägliche Flut an digitalen Informationen zu reduzieren und sich bewusst mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. Wie es mir damit ergangen ist und welche Erlebnisse und Erfahrungen ich sammeln durfte, erfährst du in diesem Blogbeitrag. Viel Spaß beim Entdecken!



Freitag, 27.09.24
Vor einem halben Jahr habe ich meine BahnCard 50 gekündigt und meinen Eltern ihren alten Kombi abgekauft, mit dem es sich sehr komfortabel fährt (mehr über die Strapazen meiner Usedom-Anreise 2023 findest du in diesem Blogbeitrag). So ist die Anfahrt via Berlin und Wolgaster Brücke bereits das erste Urlaubs-Highlight: Dank einer Mitfahrgelegenheits-App fahren nette junge Leute mit mir gen Norden, sodass es nicht langweilig wird – und nebenbei gleich etwas günstiger für mich 🤑. Die größten Vorteile sind allerdings Komfort und Flexibilität, verglichen mit den ewigen Verspätungen der Deutschen Bahn in Kombination mit dem Gefühl, in einer Sardinendose zu stecken.

Pünktlich um die Mittagszeit, genauer gesagt um 12:45 Uhr erreiche ich den Parkplatz des Familienhotels Seeklause. Mein Zimmer ist trotz der zeitigen Ankunft bereits bezugsfertig – dieses Mal im ersten Stock und leider ohne Steuerrad an der Wand. Nach dem Auspacken entere ich erst mal das Büffet, denn in meinem „Familien-Angebot Piraten“ (kann man auch als Einzelperson buchen!) ist eine All-Inclusive-Premiumverpflegung inbegriffen. Lecker, lecker, lecker; doch wie so oft sind die Augen größer als der Magen. Darum lege ich mich anschließend zwei Stunden schlafen – hey, es ist Urlaub 😊.
Dank des großen Kofferraums konnte ich meine Inline-Skates einpacken, ein weiteres Novum in meiner Usedom-Historie. So rolle ich fix die zwei Kilometer vom Hotel bis zur Strandpromenade von Trassenheide, bis der Asphalt einem Waldweg weicht. Dort wechsele ich auf meine Straßenschuhe und laufe direkt am Strand bis nach Karlshagen, wo ein paar Freiwillige aus Potsdam ein großes Zelt für die bevorstehende Frisbee-Meisterschaft aufbauen.




Ich schlendere aufs Geratewohl einem Strandzugang entgegen und finde mich plötzlich auf einem großen Campingplatz wieder. Mit asphaltierten Wegen. Wie praktisch! Flugs schnalle ich die Skates wieder an und erkunde den hübschen Stadtkern von Karlshagen – mit Ausnahme der Plattenbauten aus DDR-Zeiten, welche absolut keinen Charme versprühen… Für den Rückweg nach Trassenheide wähle ich die Landstraße, welche jedoch nur bedingt zum Skaten geeignet ist: Zwar gibt es mehrere Fußwege, doch diese haben ein Steinpflaster und sind von sandigen Abschnitten durchzogen. Dafür kann ich den ein oder anderen Blick auf die Grundstücke der Anwohner werfen, wie etwa diesen hübschen Garten mit bunten Kürbissen.
Gegen Abend wird es voller in Seeklause, die meisten Familien sind inzwischen angereist und bevölkern die Flure und den Empfangsbereich. Das Abendessen findet in Buffetform statt und bietet in dem neu gestalteten Restaurantbereich wirklich einiges: Hähnchenkeule, Pizza, Obst & Salat, dazu zahlreiche Softdrinks und zwei Bier- und Weinsorten für die Erwachsenen.
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Um den ersten Tag gemütlich ausklingen zu lassen, besuche ich beide Saunen im Außenbereich der Wellness-Anlage („Salzgrube“ mit 90° Hitze sowie die Bio-Sauna „Laderaum“, die wie ein Kutter eingerichtet ist) und anschließend das Tepidarium, in welchem ich fast gemütlich einschlafe 😴… Mit einer selbst gezapften Cola in der Hand stiefele ich zurück ins Hotelzimmer und gönne mir die wöchentliche Ladung Polit-Satire mit heute show und ZDF Magazin Royale. Beim Zuschauen schneide ich ein paar Materialien zurecht für ein Gesellschaftsspiel, das ich mir ausgedacht habe: „Der Zug ist abgefahren“, im Stile von Monopoly, aber die Mitspieler fahren stattdessen mit dem Zug von Stadt zu Stadt und müssen hohe Fahrtkosten zahlen. Hmm, woher habe ich nur diese Inspiration… 😉
Samstag, 28.09.24
Kurz nach acht stehe ich auf, streife meine Laufschuhe und einen Trainingsanzug über: Bei kühlem Wind und Sonnenschein jogge ich nach Mölschow und wieder zurück, vorbei an leuchtenden Feldern und einer beschaulichen Siedlung. Einzig die Landstraße mit vorbeirauschenden Fahrzeugen stört die Idylle etwas, doch dank noise-cancelling In-Ear-Kopfhörern kann ich diese Geräusche ausblenden. Zurück im Hotel nehme ich ein reichhaltiges Frühstück ein und packe mir im Anschluss ein Lunchpaket (geht ganz unkompliziert, einfach beim Restaurantpersonal nach Papiertüten fragen).
Erinnert ihr euch? Ich habe für diesen Urlaub einen „Digital Detox“ ausgerufen und somit seit 24 Stunden keine Nachrichten oder Anrufe empfangen. In den digitalen sozialen Netzwerken bin ich aus Prinzip nicht (dieses ewige Swipen macht mich verrückt) und abgesehen von der Kamera-Funktion meines Handys sind fast alle Internet-Apps deaktiviert. Na ja, außer Google Maps und dem Wetterbericht 😂. Nennen wir es einfach „Digital Detox Light“.
Im Osten von Usedom befindet sich der „kleinste Zoo Deutschlands“ – Ein warmer Tropenzoo im Seebad Bansin. Dort erwarten die Besucher:innen jede Menge coole Tiere: Witzige Insekten, farbenfrohe Reptilien, knuddelige Äffchen (die sogar über Chamäleons klettern) und im kühlen Außenbereich diverse Papageien. Der kurzweilige Besuch hat sich gelohnt und ist besonders für Familien mit kleinen Kindern empfehlenswert. Für immerhin 13 Euro Eintritt pro Erwachsenem gibt es aber meiner Meinung nach zu wenig zu erleben. Zum Glück hatte ich vom Hotel Seeklause einen Gutschein bekommen, als Teil des „Piraten“-Pakets, sodass ich freien Eintritt hatte 😊.
Kurze Mittagspause am Strand: Leicht unterzuckert packe ich meine Sandwiches aus und lasse den Blick über die Seebrücke von Bansin schweifen. Um mich herum schleichen große Möwen in der Hoffnung, etwas abzubekommen. Ich gestatte ihnen ein paar Kekskrümel – als ob die Flatterviecher in der Touristenhochburg hungern müssten 😈…

Weiter geht es mit einer kurzen Fahrt nach Heringsdorf zum Baumwipfelpfad. Der 785 Meter lange Rundweg bietet auf kinderfreundlichen Schildern vielfältige Infos zu Bäumen (inkl. Holzproben, welche angefasst werden können) und den Tieren im Wald. Man sollte jedoch schwindelfrei sein und keine Höhenangst haben – beides trifft auf mich nicht zu und ich gehe trotzdem voran 💪.


Den wortwörtlichen Höhepunkt bildet eine 565 Meter lange Holzrampe, die wie eine quadratische Wendeltreppe empor wächst und in einem gigantischen Holzturm gipfelt – 75 Meter über Normal-Null im Freien. Von dort oben hat man einen großartigen Ausblick auf die Umgebung, von der Mühlenbake im polnischen Insel-Osten bis weit über den Strand der Dreikaiserbäder.
Die quadratische Holzplattform an den Rändern verbindet ein durchsichtiges Netz aus Metallstreben: Ein Spaziergang über die federnde Struktur ist der ultimative Kick! Zuerst zögere ich, doch als ein kleines Kind vergnügt in die Mitte des Netzes krabbelt und sich freut, überwinde ich mein flaues Gefühl im Magen und überquere raschen Schrittes den Abgrund. Geschafft!

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass der Abend näher rückt. Will ich heute wirklich noch durchs hügelige Usedomer Hinterland zum Flughafen Heringsdorf fahren? – Na klar 😉! Dort wartet nämlich ein ganz besonderes Highlight: Ein Museum namens Hangar10, in welchem dutzende technische Exponate ausgestellt sind von großen Motoren und ganzen Flugzeugen, die noch flugtauglich sind. Gegen 17 Uhr parke ich wenige hundert Meter vom Flughafenterminal, es ist ziemlich frisch an der Luft. Die Ausstellung ist für jung und alt geeignet, doch heute ist außer mir kaum jemand anwesend.




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Neben Fluggeräten und Motoren kann man Oldtimer-Jeeps und ein deutsches Kettenmobil bestaunen.


Leider muss ich meinen Museumsbesuch etwas abkürzen, denn die Ausstellung schließt kurz nach meiner Ankunft. Doch kaum stehe ich wieder auf dem Parkplatz, ertönt das laute Dröhnen von Turbinen und ich sehe, wie hinter dem angrenzenden Sicherheitszaun eine Maschine der LuxAir beschleunigt und in die Höhe steigt. Auf gut Glück schaue ich mal bei FlightRadar24 rein und sehe erfreut, dass in 15 Minuten die LH220 aus Frankfurt landen soll 🤩.
Kurzerhand spurte ich zum Terminal, das wirklich winzig und überschaubar ist, bezahle 2€ Gebühr in Münzen und betrete eine Außenplattform, von der ich die gesamte Start- und Landebahn sowie den Parkbereich für Flugzeuge überblicken kann. Äußerst empfehlenswert für Flugzeug-Enthusiast:innen!

Das Abendessen im Hotel hat eher mäßige Qualität: zu pikante Saucen, knorpliges Rindfleisch, geschmackloses Tiramisu, labberige Johannisbeerschorle. Dafür war der Salat echt gut 🥗. Zum Abschluss des Tages geht’s heute in die Finnische Sauna und anschließend ins „Heubad“ (eine heiße Dampfsauna).
Sonntag, 29.09.24
Nach dem erlebnisreichen Vortag wird es heute sehr entspannt. So schlafe ich mich gemütlich aus und gehe erst viertel elf (oder viertel nach zehn, je nachdem woher du kommst 😉) hinunter zum mittlerweile fast leeren Buffet, um mir einen großen Brunch zu genehmigen. Später schnappe ich mir den Autoschlüssel und verlasse den Stellplatz direkt vor dem Hoteleingang – gestern Abend war alles restlos zugeparkt (trotz täglicher Parkgebühr im Vertrag!), sodass ich in Absprache mit der Rezeption vorübergehend dort stehen durfte 🙈…
Zeit für einen kleinen Einkauf beim Netto in Trassenheide, der sogar sonntags von 12-18 Uhr geöffnet hat. Danach geht’s aufs Zimmer und ich breite die Spielmaterialien von „Der Zug ist abgefahren“ (siehe Beitrag vom Freitag) auf dem kleinen Holztisch aus. Zwei Testrunden und viele Notizen später weiß ich, wie anstrengend es sein kann, als Spieleautor sein täglich Brot zu verdienen: Die Geldbeträge pro Spieler müssen angepasst werden, damit nicht alle superreich sind oder der erste nach drei Runden pleite geht. Außerdem wurden bislang zu viele Siegpunkte benötigt; gerade bei vielen Mitspieler:innen würde es nerven, wenn alles zu lange dauert. Mal sehen, wann ich die nächsten Runden spielen werde, um die Verbesserungen auszuprobieren.

Zum Mittagessen gibt’s einen Salat und anschließend einen Espresso – keine gute Idee mit sensiblem Magen, wie ich kurz darauf feststellen muss. Also rasch in die Sauna und in den Entspannungsmodus umschalten. Leider gibt’s um diese Uhrzeit noch keine Aufgüsse. So übe ich mich stattdessen in Tiefenentspannung und bewusster Wahrnehmung meines Körpers (Digital Detox – da war doch was 😉). Ein paar Grübeleien zwischendurch lassen sich allerdings nicht vermeiden, ich brauche immer erst ein paar Tage, um wirklich im Urlaubsmodus anzukommen.
Das nächste Ereignis des Tages hat wieder mit Essen zu tun. Um dreiviertel acht (bzw. viertel vor acht) gibt’s als Vorspeise drei Stück Pizza mit Käse und Salami, anschließend einen Kasseler Krustenbraten mit spiralförmigen Pommes und Kaisergemüse. Extrem lecker, heute kann ich alles sehr genießen 😋. Später bin ich noch wach vom Nachmittags-Faulenzen und setze mich mit dem E-Book-Reader in den vorderen Rezeptionsbereich. Dort kann man übrigens farbenfrohe Cocktails bestellen – ich wähle einen empfehlenswerten Caipirinha.
Vor dem Einschlafen möchte ich doch noch einer kleinen Digital-Sucht nachkommen: Duolingo, eine Sprach-Lern-App, erinnert ihre Nutzer:innen täglich daran, wenigstens eine Lektion zu absolvieren, um Vokabeln zu lernen. Dadurch wird der sogenannte „Streak“ aufrecht erhalten, eine Kennzahl, seit wie vielen Tagen man bereits ohne Unterbrechung Fremdsprachen büffelt. Und seien wir ehrlich: Das ist doch etwas Gutes, wofür man vom Detox eine kleine Ausnahme machen kann 😅. Drei Lernmissionen später befinde ich mich in der „Emerald-Liga“ auf Platz 4 – diese Gamification ist eine zweischneidige Sache…

Montag, 30.09.24
Neue Woche, neue Motivation: Früh um sieben steige ich aus dem Bett und gehe ins hoteleigene Fitnessstudio zum Frühsport. Zuerst Muskelaufbau, dann eine Runde Liegefahrrad und Stepper, um in die Gänge zu kommen 💪.

Nach dem Duschen gibt’s ein kleines Frühstück und ich mache mir ein Lunchpaket für die bevorstehende Fahrradtour. Wieder ein Bonus beim „Piraten“-Tarif des Hotels Seeklause: Einen ganzen Tag lang darf ich ein Fahrrad kostenlos mieten. Na gut, es ist nicht mehr das neueste Modell, die Gänge 5 und 7 knacken etwas bei Widerstand. Zuerst radele ich in Richtung Mölschow und verfahre mich dahinter auf den unbefestigten Acker- und Waldwegen. Kurze Zeit später lande ich in Wolgast, wo ich eigentlich überhaupt nicht hin wollte 😅… Also geht es weiter über Zecherin, wo ich bei Sonnenschein am Hafen ein Sonnenbad nehme.




Anschließend führt die Straße zurück nach Mölschow, dann über die Bahngleise und am Dino-Park vorbei, der besonders für Familien mit kleinen Kindern eine spaßige Attraktion ist mit seinen Saurier-Attrappen in Überlebensgröße. Ab jetzt wird es ruhiger, auf den Nebenstraßen sind kaum Autos unterwegs. Ich lege einen kurzer Stopp am Naturhafen Krummin ein (wie schon im vergangenen Jahr). Heute herrscht ordentlich Wellengang am Achterwasser. Ein paar Schilder am Wegesrand informieren über den früheren Bootsbau, ein ziemlich mühsames Geschäft.
Weiter geht’s, vorbei am kleinen Ort Neeberg mit niedlichen Holzbänken am Ufer. Kurz darauf erreiche ich Sauzin und mache einen Abstecher zum Baggersee, um den herum kleine Waldwege führen. Ein herrlicher Ort der Ruhe und Entspannung 😇. Abschließend fahre ich an die Südspitze von Ziemitz, wo es Zeit für eine Mittagspause am beschaulichen Hafen wird – bei bestem Sonnenschein.







So ein Lunchpaket kann echt satt machen! Ich fühle mich leicht dösig, bin aber auch etwas unterkühlt durch den starken Wind direkt bei den Bootsanlegern. Auf dem Rückweg kürze ich etwas ab und radele entlang der B111, welche von einem gut ausgebauten Radweg begleitet wird. In Zempin, dem kleinsten Seebad von Usedom, schließe ich das Fahrrad am Strandzugang an und spaziere barfuß durch den aufgewärmten Sand. Dabei kreisen mir echt viele Gedanken durch den Kopf: Ist es nicht traurig, jedes Jahr allein ans Meer zu fahren? Wo ist die schöne Zeit geblieben, als ich früher mit Schulfreunden hier war, als wir am Strand übernachtet und Nachtwanderungen gemacht hatten?
Aus den Gedanken werden Selbstgespräche und es dauert fast eine Stunde, bis es mir gelingt, mich mehr auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Dabei bemerke ich, dass meine Füße richtig kalt geworden sind. Bevor es zurück ins Hotel geht, schlage ich einen Bogen, der mich erneut am Achterwasser entlang führt und durch den Ort Zempin, welchen ich nun mit glücklichen Erinnerungen verbinde. Pünktlich um 16 Uhr bin ich wieder in der Seeklause, erfreue mich an einer Classic Massage und anschließend dem ersten Sauna-Aufguss des Urlaubs (endlich): Zweimal Fichtenduft 🌲😍.



Plötzlich signalisiert mein Magen: Hungeeeeeer… So ist es kein Wunder, dass ich mich beim Abendessen dezent überfresse 😳 und mich danach nur rasch aufs Zimmer schleppe, um noch ein bisschen fernzusehen…
Dienstag, 01.10.24
Wenn die innere Uhr mich weckt, ist das noch lange kein Grund aufzustehen im Urlaub. So werde ich mehrmals wach am frühen Morgen, aber döse einfach weiter. Leider bleibt die Müdigkeit auf diese Art irgendwie da, sodass ich gegen neun ziemlich knülle aufstehe… Nach dem Frühstück widme ich mich zum zweiten Mal meiner Monopoly-Parodie „Der Zug ist abgefahren“ und unternehme einen Hardcore-Test: Acht virtuelle Mitspieler in einer Partie! Ganz schön unübersichtlich, vor allem wenn es darum geht, Aussetze-Karten, Richtungswechsel und gesperrte Bahnhöfe zu koordinieren – nicht zu vergessen, die ganze Zeit Notizen zu machen und potentielle Verbesserungen aufzuschreiben 😥… Nach zwei Stunden reicht es mir und ich gönne mir eine Mittagspause: Hähnchenbrust in Marinade mit Reis und Mischgemüse.


Um 14 Uhr dann erwartet mich eine neuerliche Schulter-Nacken-Massage. Es gelingt mir besser, während der Behandlung zu entspannen, aber auch dieses Mal kreisen die Gedanken und ehe ich so richtig abschalten kann, sind die fünfundzwanzig Minuten schon wieder rum. Zeit für etwas Neues: Bei meinem mittlerweile vierten Aufenthalt im Familienhotel Seeklause möchte ich – wie schon bei jedem Besuch zuvor – etwas Neues entdecken oder ausprobieren. Und dieses Mal ist es das Schwimmbad, welches relativ klein und vorzugsweise für Kinder mit ihren Eltern geeignet ist. Heute Nachmittag sind aber nur zwei Kinder mit ihren Vätern und eine Rentnerin anwesend, sodass ich gemütlich planschen kann. Hinterher geht’s noch in die Salzsauna, wo ich mich bei 90 Grad auf der obersten Holzstufe rösten lasse 😅. Danach finde ich im Ruhebereich eine Zeitschrift zum Thema „Entspannung“ – ziemlich interessant und inspirierend zugleich.


Am späten Nachmittag laufe ich zum Strand von Trassenheide und beschließe spontan, einen großen Spaziergang zu machen und mich nicht von negativen Gedanken einholen zu lassen. Es nieselt ein bisschen, der Sand ist schön feucht und so läuft es sich angenehm in Joggingschuhen. Während ich Möwen beobachte und fotografiere, gelingt es mir zum ersten Mal so richtig das Gefühl zu spüren, dass es schön ist hier zu sein. Bewusst konzentriere ich mich auf meine Sinneseindrücke: Sanfter Regen auf der Haut, dunstige Luft, es weht eine kühle Brise, am Horizont dämmert es bereits.
Erleichterung durchfährt mich, weil meine Stimmung viel besser ist als noch am Vortag. Die Erinnerungen an früher, welche mir gestern noch weit weg und vergangen erschienen, vermischen sich mit Gedanken an meine Freunde, mit denen ich gemeinsam im Dresdner Chor VOCANO singe (ehemals der Jazzchor Dresden). Einem Impuls folgend, male ich mit den Händen an der Küste den Namen unserer Chor-Website in den Sand und fülle die Rillen mit Seetang, von dem ein kräftiger Salzgeruch ausgeht.


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Schließlich führen mich meine Füße bei Sonnenuntergang zur Seebrücke von Zinnowitz, wo die Tauchgondel hängt und vergeblich auf Touristen wartet. Von dort sind es noch ein paar hundert Meter bis zum Bahnhof und ich fahre mit der Usedomer Bäderbahn zurück (ein Gratis-Ticket gibt’s beim Einchecken ins Hotel inklusive).
Mittwoch, 02.10.24

Die gute Laune vom Vortag hat mich durch die Nacht begleitet, doch ein boshafter Gedanke verfolgt mich hartnäckig: War es wirklich so eine gute Idee, den Schriftzug im Sand mit Seetang zu manifestieren gegen Sturm und Wellen? Aus Sorge breche ich kurzzeitig mit dem Digital Detox und finde beim Googeln heraus, dass die Kurverwaltung Zinnowitz mit empfindlichen Strafen bei unerlaubter Werbung im Strandbereich droht. Man mag mich einen Angsthasen nennen, doch das Risiko einer Geldbuße für meinen Lieblingschor ist mir zu groß (schließlich habe ich den Namen der Website dort in Großbuchstaben gemalt 🙈). So stehe ich einfach um 06:55 Uhr auf, ziehe meine Joggingsachen an und finde anhand der Fotos vom Vortag schnell den Strandzugang, wo ich gestern künstlerisch tätig war. Noch schnell ein Selfie bei Sonnenaufgang, dann entferne ich den Schriftzug und verwische die Spuren im Sand. Irgendwie ein gutes Gefühl.




Nach einer knappen Stunde Frühsport gehe ich in den Fitnessraum und mache einige Bauch-Rücken-Übungen (dort gibt es ein eigenes Sportzimmer mit Gymnastikbällen und Matten). Zum Frühstück bietet das Büffet heute eine reichhaltige Auswahl mit Spiegelei und Speck. Danach düse ich mit dem Auto nach Neppermin, ziemlich genau im Inneren der Insel gelegen. Dort schnalle ich mir auf einem Parkplatz die Inlineskater an und rolle über holprigen Asphalt mit einigen kurzen Abschnitten Kopfsteinpflaster über Benz und Stoben bis zur historischen Bockwindmühle Pudagla. Teilweise fehlt ein separater Radweg und die steilen Anstiege sind recht anstrengend zu fahren, doch die beschauliche Landschaft lohnt einen Besuch.







Auf dem Rückweg skate ich entlang der B111, die wie auf dem Abschnitt Ziemitz – Zinnowitz einen asphaltierten Radweg hat. Weil es nur ein kleiner Umweg ist, mache ich einen Abstecher zum Außengelände des Papageienhauses Pudagla mit „Gullivers Welten“. Ein Riese ist von außen bereits zu erkennen, für die anderen Figuren müsste man Eintritt bezahlen.



Keine Minute zu spät erreiche ich das Auto, denn sofort beginnt es in Strömen zu schütten. Perfektes Timing 💪. Die halbstündige Rückfahrt zum Hotel nutze ich, um während der Fahrt ein paar Brötchen zu futtern. Am Ziel angekommen geht’s erstmal unter die Dusche und dann zum Kaffeetrinken mit Chociatto, einer Kombination aus Latte Macchiato und Kakao 😋.
Aller guten Dinge sind übrigens drei: Zum krönenden Abschluss bekomme ich eine Hot-Stone-Massage, bei der erwärmte Basaltsteine auf Rücken und Beine gelegt werden, um durch Wärme und Druck die Muskulatur zu entspannen und die Durchblutung zu fördern.

Donnerstag, 03.10.24
Schön war die Freude, doch schon ist der letzte Usedom-Tag erreicht. Kurz nach acht klingelt der Wecker, ich frühstücke ein letztes Mal und gehe anschließend noch ins Fitness-Studio, um 20 Minuten zu crunchen. Danach steht ein letzter entspannter Saunagang auf dem Programm – richtig gelesen, die Hotelgäste dürfen noch bis mittags am Abreisetag den Spa-Bereich nutzen. Vor der Rückfahrt nach Dresden genehmige ich mir im Restaurant eine Currywurst mit Nudeln und Salatbeilage und hinterher ein Vanille-Eis mit Streuseln 😋. Hat sich wieder einmal sehr gelohnt, alles.


Viele Stunden später reaktiviere ich auf meinem Smartphone meine Messenger und stelle fest, dass ich etwa ein dutzend Textnachrichten in den letzten sieben Tagen verpasst habe. Merkwürdig, ich hatte mit mehr gerechnet… Aber vielleicht hatten meine Freunde und Familie bewusst darauf verzichtet, mir zu schreiben, weil ich alle im Vorhinein informiert hatte über meinen Digital Detox. Jedenfalls ist es nach einer Woche sozialer Abstinenz ein schönes Gefühl, wieder online zu sein 🙂.
💡 Meine Digital-Detox-Erkenntnisse 💡
Die nachfolgenden Bilder sind mithilfe einer künstlichen Intelligenz (KI) erstellt worden.
Die Macht der Gewohnheit

Die ersten drei Urlaubstage kamen mir erstaunlich einsam vor ohne WhatsApp & Co. Mehrmals am Tag beobachtete ich mich dabei, wie ich intuitiv zum Smartphone griff – um sogleich festzustellen, dass keine Nachrichten auf mich warteten und ich es unbenutzt wieder beiseite legen konnte. Die einzige sinnvolle Information auf dem Display war die Uhrzeit, welche ich auch von meiner Armbanduhr ablesen konnte. Erst kurz vor Ende des Urlaubs fand ich andere Beschäftigungen abseits meines Mobiltelefons, etwa beim Essen oder allein unterwegs.
Stiller Beobachter
Wer allein verreist, kann sich gut mit seinem Smartphone ablenken. Doch wo schaut man eigentlich hin, wenn man keinen Gesprächspartner bei sich hat und nicht durch Nachrichten scrollt? Tatsächlich hatte ich vor allem bei den Mahlzeiten im Hotel das komische Gefühl, fremde Menschen ständig zu beobachten. Man nimmt sein Umfeld viel bewusster wahr und versucht, daran teilzuhaben, obwohl man nicht wirklich Teil davon ist. Das war wirklich unangenehm, denn beim Versuch, mich einfach nur bewusst auf mein Essen zu konzentrieren, erlebte ich häufig Gedankenkreisel über schlimme Dinge, die andere zu mir sagen oder über mich denken könnten…

Schattengestalten

In den letzten Jahren habe ich mehrfach unter psychosomatischen Beschwerden gelitten. Einige Muster sind während des Digital Detox wieder verstärkt aufgekommen, besonders in Form von Stimmen und diffusen Gestalten in meinem Kopf. Sie wurden zum Sprachrohr meines vermeintlichen Versagens: Wie traurig ist es eigentlich, allein in einem Familienhotel Urlaub zu machen – ohne Partnerin, ohne Kinder? Alle anderen um mich herum haben das doch auch hingekriegt, also warum scheitere ich immer wieder? Sobald diese negativen Gedanken erst einmal begannen, war es furchtbar schwer, sie wieder los zu werden. Ein Smartphone ist, das muss ich eingestehen, ein gutes Mittel zur Verdrängung ungelöster persönlicher Probleme.
Reset der Sinneswahrnehmungen
Während ich anfangs Magenverstimmungen und Kopfschmerzen hatte (die wohl mit den zuvor beschriebenen abwertenden Gedanken zusammenhingen), ist es mir mit der Zeit besser gelungen, dagegen zu steuern. Einen richtigen Erholungseffekt konnte ich – leider erst oder erfreulicherweise? – am vierten von sechs vollen Tagen spüren. Da ist es mir gelungen, das Essen und Trinken bewusst wahrzunehmen, wie etwa den intensiven Salzgeschmack bei Spiegelei und Bacon. Die sauer-prickelnde Zitronenlimo tat erfrischend gut, dagegen gab es zu labberige und kalte Johannesbeerschorle.

Mir fielen kleine Details im Hotelgelände auf, die ich trotz meines bereits vierten Besuchs nie wahrgenommen hatte. Beim Barfuß-Spazieren am Strand von Zempin fühlte ich eine erfrischend kühle Luft. Die oberste Sandschicht war an den Dünen richtig warm, doch darunter wurde es an den Zehen schnell kalt.
Luxusprobleme

Während meines Aufenthalts hatte ich zwei Entspannungsmassagen. Die zweite war zwar wesentlich kürzer (nur 20 Minuten), aber viel intensiver wahrnehmbar. Mir fiel auf, wie gut es tat, dass die Muskelstränge an Hals und Schulter durchgeknetet und besser durchblutet wurden.
Überhaupt wurde mir bewusst, dass ich ein ziemlich luxuriöses Leben habe, mit viel Freiheit und Unabhängigkeit sowie der Möglichkeit, mir bewusst Zeit für mich selbst zu nehmen. Nicht ständig für andere auf Abruf da sein zu müssen, erscheint mir wie ein Privileg.
Selbstkontrolle statt Selbstaufgabe
Rückblickend finde ich es am erstaunlichsten, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, den Detox vorzeitig abbrechen zu wollen. Und das, obwohl mich traurige, deprimierende Gedanken ziemlich intensiv heimsuchten. Letztlich ist es mir gelungen, auch positive Erinnerungen an meine Freunde und Familie zu entwickeln, ohne ihre momentane Abwesenheit schlimm gefunden zu haben. Sie haben mir ganz einfach das Gefühl der Einsamkeit genommen, das vorher sehr stark ausgeprägt war, und dafür bin ich dankbar.


